95%-Ziel bleibt ausser Reichweite: Verband fordert stärkere Unterstützung für Jugendliche

12. Mai 2026

Die Schweiz verfehlt weiterhin ihr bildungspolitisches Ziel, wonach 95 Prozent der jungen Erwachsenen einen Abschluss auf Sekundarstufe II erreichen sollen.

Die Schweiz entfernt sich derzeit eher vom eigenen bildungspolitischen Ziel, als dass sie ihm näherkommt: Wie der Schweizer Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerverband Travail.Suisse mitteilt, ist die Abschlussquote auf Sekundarstufe II in den vergangenen Jahren gesunken. Verfügten 2016 noch 91,5 Prozent der 25-Jährigen über einen entsprechenden Abschluss, lag der Wert 2022 nur noch bei 90,1 Prozent. Anlass für die erneute Debatte war die sogenannte «95%-Ziel-Tagung», an der zahlreiche Fachpersonen und Akteurinnen und Akteure aus dem Bildungsbereich teilnahmen.

Gemäss Mitteilung wurde an der Tagung deutlich, dass die Ursachen für fehlende Bildungsabschlüsse oft bereits früh im Lebenslauf entstehen. Handlungsbedarf bestehe deshalb auf mehreren Ebenen – angefangen bei der frühen Förderung in der Kindheit über Sprachförderung und Berufsberatung bis hin zu Brückenangeboten oder Case-Management-Modellen. Auch psychische Belastungen junger Menschen sowie Armut seien als zentrale Herausforderungen benannt worden.

Besonders problematisch sei, dass fast die Hälfte der 25-Jährigen ohne Abschluss nie versucht habe, überhaupt eine Ausbildung zu beginnen. Schwierigkeiten im schulischen Bereich würden sich häufig bereits in den ersten Schuljahren zeigen. Deshalb müsse das 95-Prozent-Ziel bereits in der obligatorischen Schule stärker verankert werden, so die Mitteilung. Gefordert werde eine intensivere Begleitung gefährdeter Jugendlicher, insbesondere ab der Sekundarstufe I.

Darüber hinaus verweist Travail.Suisse auf strukturelle Ungleichheiten. So hätten der sozioökonomische Hintergrund, Migrationserfahrungen oder auch das Bildungsniveau der Eltern einen direkten Einfluss auf die Bildungswege junger Menschen. Fehlende Netzwerke, geringe familiäre Unterstützung oder Diskriminierung erschwerten vielfach den Zugang zu Ausbildung und Abschluss. Gleichzeitig könne eine verlässliche Betreuung durch Lehrkräfte den Bildungserfolg entscheidend fördern.

Der Präsident von Travail.Suisse, Adrian Wüthrich, betonte laut Mitteilung, dass Jugendliche mit schwierigen Ausgangsbedingungen stärker unterstützt werden müssten, um die «letzten Prozent aufzuholen».

Um das Ziel doch noch zu erreichen, fordert Travail.Suisse verschiedene konkrete Massnahmen. Dazu gehören eine qualitativ hochwertige Berufsbildung mit stärkerer individueller Begleitung, attraktive Aufgaben in Lehrbetrieben sowie ein Unterricht, der die Durchlässigkeit zwischen Bildungswegen erleichtert. Zudem verlangt der Verband mehr Aufmerksamkeit für die psychische Gesundheit von Lernenden und eine stärkere Sensibilisierung für psychosoziale Risiken im Bildungsalltag.

Weiter fordert Travail.Suisse eine Stärkung der Berufsberatung, die angesichts einer sich wandelnden Arbeitswelt immer wichtiger werde. Gleichzeitig solle auch über weitergehende strukturelle Ansätze diskutiert werden – etwa über eine institutionalisierte Weiterbildung für Berufsbildnerinnen und Berufsbildner oder über die Einführung eines obligatorischen zehnten Schuljahrs.

Angesichts der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedeutung des Themas brauche es eine langfristige und koordinierte Zusammenarbeit aller beteiligten Akteurinnen und Akteure, erklärt Travail.Suisse. Nur so könne verhindert werden, dass weiterhin Jugendliche «durch die Maschen fallen» und ohne Abschluss ins Berufsleben starten müssten.