Eine vertiefende Analyse im Rahmen des nationalen Armutsmonitorings zeigt: Trotz insgesamt robuster Arbeitsmarktlage sind in der Schweiz weiterhin zehntausende Personen atypisch-prekär beschäftigt oder nur lose an den Arbeitsmarkt angebunden. Zu diesem Schluss kommt ein Schlussbericht der Berner Fachhochschule im Auftrag des Bundesamtes für Sozialversicherung.
Der Bericht betont eingangs, dass eine nachhaltige Integration in den Arbeitsmarkt «einer der entscheidendsten Faktoren für den Schutz und die Prävention von Armut» ist. Umgekehrt erhöhe «das Fehlen von Erwerbsarbeit oder eine lose Anbindung an den Arbeitsmarkt das Risiko von Armutserfahrungen».
Auf Basis der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) identifizieren die Autorinnen und Autoren vier Formen atypischer Beschäftigung: befristete oder temporäre Anstellungen, Arbeit auf Abruf, Unterbeschäftigung sowie regelmässige unbezahlte Mehrarbeit. Insgesamt sind rund 940’000 Personen in mindestens einer dieser atypischen Beschäftigungsformen tätig.
Als atypisch-prekär gelten jene Arbeitsverhältnisse, die zusätzlich mit einem tiefen Lohn einhergehen. Konkret wird Prekarität definiert, wenn das auf eine Vollzeitstelle hochgerechnete Jahreseinkommen «weniger als 60% des medianen Jahreseinkommens beträgt». Gemäss Bericht sind rund 110’000 Personen in solchen atypisch-prekären Arbeitsverhältnissen beschäftigt. Das entspricht 2,3 Prozent der Erwerbspersonen im Alter von 15 bis 64 Jahren.
Neben diesen Beschäftigungsformen beleuchtet die Studie auch die lose Anbindung an den Arbeitsmarkt. Rund 200’000 Personen gelten als erwerbslos gemäss ILO-Definition, davon etwa 70’000 als langzeiterwerbslos. Weitere rund 182’000 Personen zählen zur sogenannten stillen Reserve – Menschen, die grundsätzlich arbeiten könnten, jedoch nicht aktiv suchen oder nicht verfügbar sind.
In der zeitlichen Betrachtung von 2010 bis 2023 zeigt sich insgesamt eine Zunahme stabiler Normalarbeitsverhältnisse. Der Anteil der Personen in gesicherten Anstellungen sei kontinuierlich gestiegen, während atypische Beschäftigung und Nichterwerbstätigkeit leicht zurückgingen, so die Analyse. Selbst die Covid-19-Pandemie habe «kaum längerfristige Spuren hinterlassen».
Gleichzeitig bleibt ein stabiler Anteil der Bevölkerung in prekären oder instabilen Erwerbssituationen. Besonders betroffen sind junge Erwachsene zwischen 15 und 24 Jahren, Frauen, Alleinerziehende sowie Personen mit Migrationserfahrung, insbesondere aus Drittstaaten. Auch ein tiefer Bildungsabschluss und ein schlechter Gesundheitszustand erhöhen das Risiko.
Mit Blick auf die Folgen zeigt der Bericht, dass atypische Beschäftigung mit einem erhöhten Armutsrisiko verbunden ist. Unterschiede im Stundenlohn spielen dabei eine zentrale Rolle. Strukturelle Massnahmen zur Verringerung der Lohnungleichheit könnten deshalb «eine bedeutende Rolle bei der Reduktion von Armutsrisikos von atypisch beschäftigten Personen spielen».
Die Studie kommt zum Schluss, dass für eine inklusive Gesellschaft die Beobachtung atypisch-prekärer Beschäftigung und loser Arbeitsmarktanbindung zentral bleibt, um strukturelle Benachteiligungen frühzeitig zu erkennen und ihnen entgegenzuwirken.
