Bessere Schule um jeden Preis?

Bessere Schule um jeden Preis?

Eltern sind bereit, für höhere Schulqualität und einen passenden Schülermix tief in die Tasche zu greifen, wie eine Studie zeigt.

In der Schweiz bestimmt in der Regel der Wohnort die Schule der Kinder. Wer es sich leisten kann, zieht in ein „gutes“ Quartier – in der Hoffnung auf leistungsstarke Schulen und vorteilhafte Klassenzusammensetzungen. Eine aktuelle Studie der Rockwool Foundation Berlin zeigt nun deutlich, wie viel manchen Eltern eine bessere Schulbildung wert ist. In einem landesweiten Experiment wurden knapp 2’700 Eltern gefragt, welche Eigenschaften einer Schule ihnen am wichtigsten sind und wie viel Aufpreis an Wohnkosten sie dafür zahlen würden. Die Ergebnisse sind aufschlussreich: Eine beträchtliche Minderheit der Eltern – etwa ein Drittel – ist praktisch preisunempfindlich. Für diese Gruppe steht die Schulqualität über allem; sie wären bereit, nahezu jeden Preis zu zahlen, um ihre Kinder an eine akademisch führende Schule zu schicken. Die Mehrheit der Eltern ist zwar preissensibler, legt aber ebenfalls grossen Wert auf akademische Qualität. Zudem zeigte sich: Viele sind bereit, für eine „bessere“ Schulzusammensetzung extra zu bezahlen – konkret für weniger Kinder mit speziellen Förderbedürfnissen und weniger Mitschüler, die nicht Deutsch als Erstsprache sprechen. Im Modell gaben Eltern im Median an, monatlich rund 480 Franken mehr Wohnkosten zu akzeptieren, wenn ihr Kind dafür statt einer durchschnittlichen die bestmögliche Schule (gemäss kantonaler Rangliste) besuchen kann. Selbst moderate Verbesserungen wären ihnen merkliche Aufpreise wert: Eine Senkung des Anteils von Kindern mit besonderen Förderbedürfnissen von 30 % auf 10 % wäre ihnen rund 150 Franken Aufpreis im Monat wert, und 10 % weniger nicht deutschsprachige Klassenkameraden immerhin rund 65 Franken. Interaktionen verstärken diesen Effekt noch: Die Zahlungsbereitschaft für weniger Förderbedarf-Schüler ist am höchsten, wenn zugleich die akademische Leistungsstärke der Schule maximal ist. Insgesamt identifiziert die Studie sieben unterschiedlich präferierende Eltern-Typen, von denen manche Inklusion bewusst meiden und andere eher Wert auf bestimmte Pädagogikkonzepte legen – doch die Tendenz, schulische Leistung und „passende“ Peers notfalls mit Geld zu erkaufen, zieht sich durch viele Gruppen.

Bildungsinvestitionen der Eltern: Schweiz und Nachbarländer im Vergleich

Dass Eltern in die Bildung ihrer Kinder investieren, ist kein rein schweizerisches Phänomen. Ein Vergleich mit Deutschland, Österreich und Frankreich zeigt sowohl Parallelen als auch markante Unterschiede. Zunächst fällt auf, dass der staatliche Schulsektor überall dominiert. In der Schweiz besuchen rund 95 % aller Kinder die öffentliche Volksschule ihres Wohnorts. Die Alternativen – private Schulen oder Hausunterricht – bleiben die Ausnahme und erfordern erhebliche eigene Mittel. Privatschulen finanzieren sich hierzulande fast vollständig privat; im Durchschnitt kosten sie etwa 24’000 Franken pro Kind und Jahr, was sie effektiv zu einer Option nur für gutbetuchte Familien macht. Entsprechend liegt der Anteil der Schülerinnen und Schüler in Privatschulen schweizweit lediglich bei 4,6 %. Allerdings gibt es regional grosse Unterschiede: In städtischen Gebieten mit vielen wohlhabenden Familien – etwa im Kanton Genf oder in gewissen Zürcher Gemeinden – besucht fast jeder fünfte Schüler eine Privatschule. In ländlichen Kantonen hingegen spielen Privatschulen kaum eine Rolle.

In Deutschland und Österreich ist der Anteil der privaten Schulen traditionell ebenfalls gering – im Schnitt besuchen etwa 9 bis 10 % der Schülerinnen und Schüler eine Privatschule. In beiden Ländern existiert zwar seit Jahrzehnten ein kleines aber stetiges Wachstum privater Schulen, doch von einer massenhaften „Flucht“ ins Privatschulwesen kann nicht die Rede sein. In Österreich etwa stagnierte der Privatschulanteil nach einem Anstieg in den 1990er-Jahren lange Zeit und liegt aktuell je nach Schulart meist nur im einstelligen Prozentbereich. Laut aktuellen Zahlen ist er sogar leicht rückläufig – jüngst besuchten von 360.000 Volks- und Mittelschülern etwa 17.700 eine private Schule (rund 4,9 %), kaum mehr als vor zehn Jahren. In Deutschland ist das Bild ähnlich: Insgesamt lernen rund eine Million Kinder an privaten Schulen, was etwa jedem Elften Schulkind entspricht. Dabei bestehen regionale Unterschiede. In ostdeutschen Bundesländern wie Sachsen liegt der Anteil mit über 15 % deutlich höher, während in anderen Regionen weit unter 5 % der Kinder Privatschulen besuchen. Dies verweist auf heterogene Bildungslandschaften – etwa eine höhere Bereitschaft bestimmter Bevölkerungsgruppen (bzw. eine grössere Unzufriedenheit mit dem öffentlichen Schulangebot) in einzelnen Bundesländern, alternative Schulmodelle zu wählen. Auffällig ist, dass deutsche Privatschulen im Durchschnitt relativ moderate Schulgebühren verlangen. Laut Statistischem Bundesamt zahlten Eltern 2016 im Schnitt rund 2’000 Euro pro Jahr an Schulgeld – deutlich weniger als in der Schweiz. Dies liegt daran, dass viele Schulen in freier Trägerschaft (insbesondere konfessionelle oder alternative Schulen) bewusst sozialverträgliche Tarife ansetzen und teils öffentliche Zuschüsse erhalten. Dennoch können ein paar tausend Euro jährlich für finanziell schwächere Familien abschreckend sein.

Bemerkenswert ist auch, wie viel Eltern neben den Schulgebühren an Begleitkosten tragen. Ein Grossteil der Bildungsinvestitionen fliesst in Materialien, Nachhilfe und Betreuung. In Österreich ergab eine Schulkosten-Studie der Arbeiterkammer 2024, dass Eltern durchschnittlich 2’200 Euro pro Jahr für den Schulbesuch eines Kindes ausgeben – von Heften über den Laptop bis zur Nachmittagsbetreuung. Ähnliche Werte werden aus Deutschland berichtet. Dort hat sich ein Nachhilfemarkt in Milliardenhöhe etabliert: Nach Schätzungen geben Familien jedes Jahr insgesamt rund 2 Milliarden Euro für privaten Zusatzunterricht aus, um Bildungsdefizite auszugleichen oder ihre Kinder auf bessere Noten zu trimmen. Diese beträchtlichen Summen verdeutlichen eine implizite Zahlungsbereitschaft: Viele Eltern scheuen auch ausserhalb von Schulgebühren keine Mühen und Kosten, wenn sie dadurch die Bildungschancen ihres Nachwuchses verbessern können.

Ein echter Sonderfall in Europa ist Frankreich. Hier gibt es eine lange Tradition staatlich anerkannter Privatschulen (meist katholischer Trägerschaft), die vom Staat finanziert und kontrolliert werden. Entsprechend hoch ist der Privatschulanteil: Bereits 17 % aller französischen Schülerinnen und Schüler besuchen eine Privatschule – deutlich mehr als in Deutschland, Österreich oder der Schweiz. Diese vertragsgebundenen Privatschulen („écoles sous contrat“) erheben meist nur geringe Gebühren, da die Lehrergehälter und ein Grossteil der Betriebskosten vom Staat getragen werden. Für viele Familien – auch aus der Mittelschicht – sind sie daher eine attraktive Alternative zum öffentlichen Schulsystem. In Umfragen zeigt sich immer wieder eine Präferenz für private Einrichtungen: Eine Mehrheit der Französinnen und Franzosen ist der Meinung, dass man an Privatschulen eine bessere Schulbildung erhält als an staatlichen Schulen. Diese Wahrnehmung spiegelt sich in der sozialen Zusammensetzung wider. Die Elitebildung beginnt früh: Privatschulen ziehen überproportional Kinder aus akademischem und wohlhabendem Elternhaus an, während im öffentlichen Sektor ein weitaus höherer Anteil aus sozial benachteiligten Familien stammt. So haben in den französischen Sekundarschulen laut Statistikbehörde INSEE 40 % der öffentlichen Schulbesucher Eltern aus Arbeiter- oder arbeitslosen Milieus, aber nur 16 % der Privatschulbesucher. Anders gesagt: Schüler aus einfachen Verhältnissen konzentrieren sich im staatlichen System – in Brennpunktschulen («REP+») liegt der Arbeiterkinder-Anteil gar bei über 70 % – während Privatschulen tendenziell bürgerliche und privilegierte Schichten anziehen. Diese Segmentation birgt gesellschaftlichen Sprengstoff, denn sie weist auf eine sozial selektive Bildungslandschaft hin, in der Herkunft und Geldbeutel die Bildungswege mitbestimmen.

Zwischenbilanz: Auswirkungen auf Chancengleichheit und Mobilität

Die Bereitschaft vieler Eltern, für bessere Bildung tief in die Tasche zu greifen, hat weitreichende bildungspolitische und gesellschaftliche Implikationen. Zum einen besteht die Gefahr, dass sich soziale Ungleichheiten in der nächsten Generation fortschreiben oder sogar verschärfen. Wenn wohlhabende Familien ihren Kindern durch Wohnortwahl, Schulgelder oder bezahlte Zusatzangebote systematisch Vorteile verschaffen, wächst der Abstand zu Kindern aus weniger begüterten Haushalten. Empirische Befunde aus Deutschland untermauern diese Sorge: Bildungserfolg und Familienvermögen sind eng verknüpft. So haben Studien gezeigt, dass Kinder aus vermögenden Haushalten mit wesentlich höherer Wahrscheinlichkeit ein Gymnasium besuchen und einen Hochschulabschluss erreichen als Kinder aus ärmeren Familien. Konkret ergab eine Untersuchung, dass Kinder im obersten Vermögensquartil rund 20 % häufiger aufs Gymnasium kommen und 40 % häufiger ein Studium beginnen als Gleichaltrige aus dem untersten Quartil. Derartige Unterschiede sind Ausdruck ungleicher Bildungsmobilität: Obwohl das öffentliche Schulsystem allen offensteht, können finanzstarke Eltern durch verschiedenste Strategien – seien es Wohnkosten in teuren Schulbezirken, private Schulen, Nachhilfe oder prestigeträchtige Auslandsjahre – den Werdegang ihrer Kinder beeinflussen.

Zum anderen stellt die Tendenz zur Herauslösung begünstigter Kinder aus dem gemeinsamen Schulsystem eine Herausforderung für die Inklusion dar. Wenn gut situierte Eltern ihre Kinder gezielt von Schulen mit hohem Anteil an sozial schwächeren, fremdsprachigen oder behinderten Mitschülern fernhalten, droht eine Entmischung der Schulklassen. Problematische Folgen können ein Brain-Drain an den öffentlichen „Normalschulen“ und eine Stigmatisierung dieser verbleibenden Schülerschaft sein. Beispielsweise wird in der Schweiz seit Jahren über die integrative Schulung von Kindern mit besonderem Förderbedarf diskutiert. Die Studie zur Zahlungsbereitschaft deutet an, dass viele Eltern diese Integration skeptisch sehen, zumindest wenn ein grosser Anteil der Klasse betroffen ist – sonst würden sie nicht freiwillig Geld für weniger Förderkinder in der Klasse ausgeben. Ein inklusives Schulsystem, das alle Kinder gemeinsam fördert, benötigt aber auch das Vertrauen und die aktive Unterstützung der Eltern aller Schichten. Wenn zahlungskräftige Eltern abwandern – sei es auf Privatschulen oder durch Umzug in „bessere“ Schulkreise –, verliert das öffentliche System nicht nur wichtige Ressourcen und Engagement, sondern es verstärkt sich auch die soziale Trennung. Am Ende könnten zwei Bildungsschienen entstehen: hier die heterogene Volksschule mit wachsendem Anteil benachteiligter Kinder, dort exklusive Lernumfelder für die Privilegierten. Für die gesellschaftliche Durchlässigkeit und den Leistungsgedanken wäre das kontraproduktiv, denn Begabung ist bekanntlich nicht an Einkommen gekoppelt. Vielmehr geht der Gemeinschaft Potenzial verloren, wenn nicht alle Kinder gleich gute Lernbedingungen vorfinden. Eine Schule, die sozial durchmischt ist, kann zudem Toleranz und Zusammenhalt fördern – während segregierte Bildungsgänge Vorurteile und Fremdheitsgefühle begünstigen.

Die beschriebenen Entwicklungen berühren fundamentale Fragen der Chancengerechtigkeit. Wie viel Unterschiede darf es im Bildungssystem geben, ohne dass der gesellschaftliche Zusammenhalt leidet? Soll hochwertige Bildung eine Ware sein, die nach Zahlungsfähigkeit verteilt wird – oder ein öffentliches Gut, auf das jeder Anspruch hat? Diese Fragen werden in Politik und Gesellschaft kontrovers diskutiert. Einige argumentieren, Wettbewerb und Wahlfreiheit – etwa durch mehr Privatschulen – könnten das allgemeine Niveau heben und Innovation fördern. Dagegen steht die Mahnung, dass Bildung kein Luxusgut werden darf. Spätestens wenn sich die Schere in den Schülerleistungen entlang sozialer Linien öffnet, ist die Bildungsgerechtigkeit infrage gestellt. International weisen vergleichende Studien darauf hin, dass Schulsysteme mit geringer sozialer Selektivität tendenziell bessere Gesamtergebnisse erzielen und zugleich fairer sind. Nicht von ungefähr schneiden Länder mit integrativen, staatlich gut ausgestatteten Schulen (etwa in Nordeuropa) in Bezug auf Bildungsgerechtigkeit und Kompetenzniveau meist positiv ab.

Auftrag der Sozialdiakonie: Bildungschancen für alle fördern

Angesichts dieser Herausforderungen kommt auch der Sozialdiakonie eine wichtige Rolle zu. Diakonische Einrichtungen und Initiativen der Kirchen setzen sich seit jeher dafür ein, benachteiligte Menschen zu unterstützen und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen – dazu gehört wesentlich der gerechte Zugang zu Bildung. In der Schweiz engagiert sich die Sozialdiakonie insbesondere dort, wo Kinder und Familien wegen finanzieller, sprachlicher oder sozialer Hürden Gefahr laufen, abgehängt zu werden. Konkret entstehen vielfältige Projekte, um Chancengleichheit im Bildungswesen zu fördern. Ein Beispiel ist das Berner Projekt Karibu, das seit 1995 Migrantinnen auf ihrem Bildungsweg begleitet. Freiwillige – oft selbst mit Migrationshintergrund – betreuen dabei unentgeltlich Kinder, während deren Mütter an Deutschkursen oder Weiterbildungen teilnehmen. Das Projekt ermöglicht so frühe Förderung der Kinder und zugleich die Qualifizierung der Eltern. Die Verantwortlichen betonen, dass eine solche frühe Unterstützung die Bildungschancen von Kindern aus Zuwandererfamilien deutlich erhöht und soziale Unterschiede abzubauen hilft. Genau hier setzt diakonisches Handeln an: Kein Kind zurücklassen! – Dieses Motto bedeutet, aktiv Barrieren abzubauen, seien es finanzielle Engpässe, mangelnde Sprachkenntnisse oder fehlende Infrastruktur. Diakonische Stellen arbeiten oft eng mit Schulen, Gemeinden und anderen Partnern zusammen, um Angebote wie Lernhilfe, Stipendien oder familiengerechte Betreuungsplätze zu schaffen. Damit wirken sie dem Mechanismus entgegen, wonach nur der Markt oder das Portemonnaie über Bildungschancen entscheidet.

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