Bildung verspricht Aufstieg – doch die Herkunft bleibt entscheidend

Bildung verspricht Aufstieg – doch die Herkunft bleibt entscheidend

Bildung soll soziale Herkunft überwinden und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen. An der Tagung der Diakonie Schweiz zeigte Regula Leemann, weshalb dieses Versprechen nur teilweise eingelöst wird.

Welchen Beitrag kann Bildung zur Überwindung von Armut leisten – und wo stösst sie selbst an Grenzen? Mit dieser Frage beschäftigte sich die Online-Tagung «Grenzen der Armutsüberwindung durch Bildung – Bildung zwischen Versprechen, Voraussetzungen und strukturellen Hürden» der Diakonie Schweiz am 9. September 2026. Einen grundlegenden Blick auf Bildungsungleichheiten in der Schweiz warf Prof. em. Dr. Regula Leemann von der PH Nordwestschweiz. Ihr Referat machte deutlich: Bildung ist für gesellschaftliche Teilhabe von zentraler Bedeutung. Doch die Chancen, von ihr zu profitieren, sind weiterhin ungleich verteilt.

Am Anfang steht ein starkes gesellschaftliches Versprechen. Nicht die Familie, in die ein Mensch hineingeboren wird, soll über seine späteren Lebenschancen entscheiden, sondern die eigenen Fähigkeiten und Leistungen. Schule und Ausbildung kommt in diesem Verständnis eine Schlüsselrolle zu. Sie sollen Kindern und Jugendlichen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft Wege in Ausbildung, Beruf und gesellschaftliche Teilhabe eröffnen.

Dass dieses Ideal nur bedingt der gesellschaftlichen Wirklichkeit entspricht, ist seit Langem bekannt. Leemann zeigte anhand verschiedener Forschungsergebnisse, wie stark die familiäre Herkunft Bildungswege weiterhin prägt. Bildungsabschlüsse wiederum beeinflussen Erwerbsmöglichkeiten, Einkommen und das Risiko, von Armut betroffen zu sein. Bildung kann damit sozialen Aufstieg ermöglichen – fehlende Bildung kann soziale Benachteiligung aber zugleich verfestigen.

Besonders relevant ist dabei der Abschluss auf der Sekundarstufe II, also beispielsweise einer Berufslehre, einer Fachmittelschule oder eines Gymnasiums. Bund und Kantone verfolgen seit Jahren das Ziel, dass 95 Prozent der jungen Erwachsenen einen solchen Abschluss erreichen. Tatsächlich bleiben gemäss den von Leemann präsentierten Zahlen jedoch je nach Statistik rund zehn Prozent der jungen Menschen ohne einen Abschluss auf Sekundarstufe II. Bei der gesamten Bevölkerung im Erwerbsalter liegt der entsprechende Anteil noch höher.

Die Folgen reichen weit über das Bildungssystem hinaus. Wer lediglich die obligatorische Schule abgeschlossen hat, ist seltener erwerbstätig, verfügt im Durchschnitt über ein niedrigeres Einkommen und trägt ein deutlich höheres Armutsrisiko. Bildungsarmut und finanzielle Armut können sich dabei gegenseitig verstärken – und bis in die nächste Generation hineinwirken.

Denn Kinder beginnen ihre Schulzeit nicht unter denselben Bedingungen. Leemann griff zur Erklärung auf den französischen Soziologen Pierre Bourdieu und dessen Konzept unterschiedlicher Kapitalformen zurück. Familien verfügen in unterschiedlichem Umfang über kulturelle, ökonomische und soziale Ressourcen. Dazu gehören beispielsweise sprachliche Anregung, der selbstverständliche Umgang mit Büchern und Bildung, finanzielle Sicherheit, geeigneter Wohnraum sowie Netzwerke und Kenntnisse über mögliche Bildungswege.

Diese Unterschiede entstehen lange vor dem ersten Schultag. Wie viel mit Kindern gesprochen und gelesen wird, welche Freizeitaktivitäten ihnen offenstehen, wie selbstverständlich Lernen zum Familienalltag gehört oder welche Unterstützung bei schulischen Schwierigkeiten möglich ist, beeinflusst ihre Ausgangsbedingungen. Die Schule trifft damit auf Kinder, deren Lernvoraussetzungen bereits verschieden sind.

Leemann verwies auf Untersuchungen, nach denen diese Unterschiede im Verlauf der Schulzeit keineswegs vollständig verschwinden. Kinder aus sozial benachteiligten Familien liegen nach mehreren Primarschuljahren im Durchschnitt deutlich hinter Kindern aus privilegierteren Verhältnissen. Besonders ausgeprägt seien die Unterschiede unter anderem beim Wortschatz. «Die schulischen Institutionen können die ungleichen Lernbedingungen nur bedingt ausgleichen und kompensieren», fasste Leemann einen zentralen Befund zusammen.

Hinzu kommt eine zweite Grenze: die Struktur des Bildungssystems selbst. In der Schweiz werden Schülerinnen und Schüler vergleichsweise früh unterschiedlichen Leistungszügen zugewiesen. Der Übergang von der Primar- in die Sekundarstufe erfolgt häufig im Alter von etwa zwölf Jahren. Internationale Vergleiche, die Leemann präsentierte, weisen darauf hin, dass eine frühe Aufteilung mit grösseren sozialen Ungleichheiten bei den Bildungschancen verbunden sein kann.

Dabei entscheidet nicht allein die schulische Leistung. Selbst bei vergleichbarer Leistungsfähigkeit unterscheiden sich die Chancen auf einen anspruchsvolleren Bildungsweg nach sozialer Herkunft. Eine Rolle spielt beispielsweise, wie Eltern in Übertrittsgesprächen auftreten können. Eltern aus privilegierten Milieus verfügen gemäss den vorgestellten Untersuchungen häufig über mehr Wissen über das Bildungssystem, grössere Sicherheit im Gespräch mit Lehrpersonen und stärkere Möglichkeiten, ihre Vorstellungen einzubringen. Eltern aus sozial benachteiligten Familien nehmen sich dagegen eher zurück und überlassen Entscheidungen stärker der Schule.

Damit wird sichtbar, weshalb Bildungsungleichheit nicht allein durch individuelles Lernen oder besondere Anstrengung überwunden werden kann. Familiäre Ressourcen, gesellschaftliche Ungleichheiten und institutionelle Strukturen greifen ineinander. «Das Ganze soll auch wirklich gesellschaftlich gerahmt sein», betonte Leemann in ihrem Referat. Wie gut Familien ihre Kinder unterstützen können, hängt deshalb auch von Arbeitsmarkt, Einkommen, Sozialstaat, Familienpolitik und anderen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ab.

Für die Diskussion über Armut ist diese Perspektive entscheidend. Bildung bleibt ein zentraler Schlüssel zu gesellschaftlicher Teilhabe. Sie kann jedoch nicht sämtliche sozialen Ungleichheiten kompensieren, die ausserhalb von Schule und Ausbildung entstehen. Gleichzeitig können Strukturen innerhalb des Bildungssystems bestehende Ungleichheiten verstärken.

Genau an diesem Spannungsfeld setzte die Tagung der Diakonie Schweiz an. Neben der wissenschaftlichen Analyse ging es um die Frage, welche Handlungsmöglichkeiten Kirche, Diakonie und soziale Praxis haben. Im weiteren Verlauf der Tagung wurden Erfahrungen aus der Praxis diskutiert und Möglichkeiten erörtert, Bildungsbarrieren wahrzunehmen und abzubauen.

Leemanns Beitrag liefert dafür einen wichtigen Ausgangspunkt: Wer Bildungsarmut bekämpfen will, muss nicht nur auf Schülerinnen und Schüler und ihre individuellen Leistungen schauen. Ebenso notwendig ist der Blick auf die Bedingungen, unter denen Kinder aufwachsen, auf Übergänge und Selektionsmechanismen im Bildungssystem und auf die gesellschaftlichen Strukturen, die Chancen eröffnen oder begrenzen.

Damit wird Bildung nicht weniger wichtig – im Gegenteil. Gerade weil ein Bildungsabschluss so eng mit Erwerbschancen, Einkommen und gesellschaftlicher Teilhabe verbunden ist, gewinnt die Frage an Bedeutung, wer Zugang zu diesen Chancen erhält. Das Versprechen der Bildung besteht darin, Herkunft nicht zum Schicksal werden zu lassen. Die an der Tagung vorgestellten Befunde zeigen zugleich, wie viel noch zu tun bleibt, damit dieses Versprechen für alle Kinder und Jugendlichen gleichermassen gilt.