Bildungschancen hängen in der Schweiz weiter stark von der sozialen Herkunft ab

13. Mai 2026

Das nationale Armutsmonitoring zeigt deutliche Unterschiede bei Bildungswegen und Abschlüssen von Kindern aus armutsbetroffenen Familien.

Kinder aus armutsbetroffenen Familien haben in der Schweiz deutlich schlechtere Bildungschancen als Gleichaltrige aus finanziell besser gestellten Haushalten. Zu diesem Schluss kommt das Schwerpunktheft «Bildung und Armut in der Schweiz» des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV). Die Analyse zeigt, dass sich Unterschiede bereits in der frühen Kindheit entwickeln und sich oft über die gesamte Bildungsbiografie hinweg fortsetzen, so ein Beitrag des Portals Soziale Sicherheit CHSS.

Wie aus dem Bericht hervorgeht, verfügen rund 14 Prozent der Bevölkerung zwischen 25 und 64 Jahren über keinen Abschluss auf Sekundarstufe II. Besonders betroffen seien ältere Personen sowie Menschen der ersten Migrationsgeneration. Gleichzeitig erreichten rund zehn Prozent der jungen Erwachsenen bis zum Alter von 25 Jahren keinen Abschluss auf Sekundarstufe II. Bei Jugendlichen aus Familien mit Sozialhilfebezug liege dieser Anteil mit 24 Prozent deutlich höher.

Der Bericht beschreibt Bildung als «wichtige Voraussetzung» für gesellschaftliche und wirtschaftliche Teilhabe. Gleichzeitig sei Bildung nicht der einzige Faktor im Zusammenhang mit Armut. «Zwischen Bildung und Armut gibt es starke wechselseitige Zusammenhänge», heisst es in der Analyse. Fehlende Bildungsabschlüsse oder mangelnde Grundkompetenzen könnten zu Armut führen, gleichzeitig wirke sich Armut negativ auf die Bildungschancen aus.

Besonders kritisch bewertet das Monitoring die Situation in der frühen Kindheit. Bereits beim Eintritt in den Kindergarten bestünden teilweise erhebliche Unterschiede im Kompetenzniveau. Kinder aus sozial benachteiligten Familien verfügten im Durchschnitt über geringere sprachliche und kognitive Kompetenzen. Laut Bericht besuchen Kinder aus einkommensschwachen Haushalten zudem deutlich seltener eine Kita. Während bei nicht einkommensschwachen Familien gut ein Drittel der Vorschulkinder familienergänzend betreut werde, liege der Anteil bei einkommensschwachen Familien bei lediglich 14 Prozent.

Auch während der obligatorischen Schulzeit gelinge es oft nicht, bestehende Unterschiede auszugleichen. Vielmehr gebe es Hinweise darauf, dass sich die Kompetenzunterschiede nach sozialer Herkunft im Verlauf der Schulzeit noch vergrössern. Die Pisa-Ergebnisse zeigten zudem, dass Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien häufiger Klassen mit tieferen Leistungsanforderungen besuchen und seltener eine gymnasiale Maturität erreichen.

Der Bericht weist gleichzeitig auf zahlreiche bestehende Unterstützungsangebote hin. Dazu zählen frühe Sprachförderung, Hausbesuchsprogramme, Beratungsangebote für Familien, schulische Unterstützungsangebote, Brückenangebote beim Übergang in die Sekundarstufe II oder Programme zur Förderung von Grundkompetenzen bei Erwachsenen. Dennoch unterscheiden sich Angebot und Zugang je nach Kanton und Gemeinde teilweise stark. Gerade im Bereich der frühen Kindheit gebe es keine nationale Koordination, so die Analyse.

Das Armutsmonitoring betont zudem, dass mangelnde Grundkompetenzen auch im Erwachsenenalter ein erhebliches Risiko darstellen. Rund 30 Prozent der Erwachsenen zwischen 16 und 65 Jahren verfügten in mindestens einem Kompetenzbereich über geringe Fähigkeiten. Personen mit geringen Kompetenzen hätten häufiger tiefe Einkommen oder seien öfter von Arbeitslosigkeit betroffen.

Im Fazit fordert das Monitoring weitere Anstrengungen zur Verbesserung der Chancengerechtigkeit. Als besonders wichtig bezeichnet der Bericht Investitionen in die frühe Förderung, eine stärkere soziale Durchmischung in Schulen sowie bessere Unterstützung beim Übergang in Ausbildung und Beruf. Bildung könne Armut zwar nicht direkt verhindern, leiste aber «indirekt über die Arbeitsmarktintegration einen wichtigen Beitrag zur Armutsprävention und -bekämpfung»