Der Bundesrat hat den ersten Bericht des nationalen Armutsmonitorings verabschiedet und damit ein neues Referenzwerk zur Armut in der Schweiz vorgelegt. Laut Medienmitteilung kommen rund 8 Prozent der Menschen in der Schweiz mit ihrem Einkommen nicht auf das Existenzminimum. Dieses Niveau der Einkommensarmut bewegt sich seit 2017 relativ stabil zwischen 8 und 9 Prozent; das in der Agenda 2030 und in den Legislaturplanungen gesetzte Ziel einer Reduktion der Armut wurde damit bislang verfehlt.
Der Bericht, den das Bundesamt für Sozialversicherungen gemeinsam mit dem Bundesamt für Statistik, Kantonen, Gemeinden, Forschung und Zivilgesellschaft erarbeitet hat, erscheint alle fünf Jahre. Er kombiniert statistische Analysen mit Porträts von Menschen mit Armutserfahrung und bereitet den aktuellen Wissensstand zur Armut systematisch auf. Gemäss Mitteilung soll das Monitoring Bund, Kantonen und Gemeinden «steuerungsrelevantes Wissen» liefern und als Grundlage für eine nationale Armutsstrategie dienen, die bis 2027 vorliegen soll.
Kern des Monitorings ist die Einkommensarmut: Als arm gelten Personen, deren Haushaltseinkommen – nach Einbezug von Sozialleistungen und privaten Transfers – unter dem von der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe definierten sozialen Existenzminimum liegt. 2023 waren gemäss Synthesebericht 8,1 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung davon betroffen. Besonders gefährdet sind Nichterwerbstätige, Alleinerziehende, kinderreiche Familien, Alleinlebende, Menschen ohne nachobligatorische Ausbildung sowie Personen aus Drittstaaten. Zudem leben viele Haushalte mit Kindern knapp oberhalb der Armutsgrenze; eine Anhebung des Existenzminimums um 500 Franken pro Monat würde die Armutsquote ungefähr verdoppeln.
Gleichzeitig zeigt der Bericht, dass Armut selten dauerhaft ist, aber häufig wiederkehrt. Rund die Hälfte der Menschen, die sich aus der Armut lösen, erlebt innerhalb von fünf Jahren eine weitere Armutsepisode. Etwa ein Zehntel der Betroffenen verbleibt über viele Jahre in Einkommensarmut. Als Auslöser werden kritische Ereignisse im Lebensverlauf genannt – etwa Krankheit, Trennung, Verwitwung oder Arbeitsplatzverlust –, deren Folgen je nach Bildungsstand, Herkunft und sozialer Absicherung sehr unterschiedlich ausfallen.
Besonderes Gewicht legt das Monitoring auf ein mehrdimensionales Armutsverständnis. «Mehr als 80 % der einkommensarmen Menschen sind zusätzlich in mindestens einer weiteren Lebensdimension eingeschränkt», hält der Synthesebericht fest. Gemeint sind neben den finanziellen Verhältnissen die Bereiche Bildung, Erwerbsarbeit, Gesundheit, Wohnen, soziale Beziehungen und politische Teilhabe. So leiden etwa rund die Hälfte der einkommensarmen Personen an einer chronischen Erkrankung, 90 Prozent geben mehr als 40 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Wohnkosten aus, und sie leben deutlich häufiger in überbelegten Wohnungen.
Erwerbsarbeit bleibt ein zentraler Schutz vor Armut: Die Armutsquote von Erwerbstätigen liegt seit Jahren bei rund 4 Prozent und damit klar unter jener der Nichterwerbstätigen. Dennoch waren 2023 rund 168 000 Menschen trotz Arbeit armutsbetroffen; zusammen mit den Haushaltsangehörigen leben etwa 300 000 Personen, darunter rund 78 000 Kinder, in sogenannten Working-Poor-Haushalten. Übervertreten sind Menschen in atypischen Beschäftigungen, Tieflohnsektoren oder mit geringer Erwerbsintensität sowie Soloselbständige.
Die staatlichen Systeme der sozialen Sicherheit leisten einen wesentlichen Beitrag zur Armutsreduktion. Ohne Sozialtransfers wären 16 Prozent der Bevölkerung in Haushalten ohne Altersrenten armutsbetroffen; Sozialversicherungen und bedarfsabhängige Leistungen senken diese Quote auf 6,3 Prozent. Gleichwohl verweist das Monitoring auf Herausforderungen: Zwischen 20 und 40 Prozent der Anspruchsberechtigten beziehen bedarfsabhängige Leistungen nicht, etwa aus Scham, Unkenntnis oder wegen administrativer Hürden. Zudem werden kantonale Unterschiede bei der Ausgestaltung von Sozialleistungen und der Existenzsicherung als Gerechtigkeitsfrage diskutiert.
Insgesamt betonen die Autorinnen und Autoren, dass Armut im Zusammenspiel von individuellen Faktoren und strukturellen Rahmenbedingungen entsteht. Neben Bildungsabschlüssen, Erwerbspensen und Migrationsstatus prägen auch Bildungssystem, Kinderbetreuung, Arbeitsmarktregeln und soziale Sicherung die Handlungsspielräume der Menschen. Der erste Monitoringbericht soll daher nicht nur Daten liefern, sondern die Grundlage für eine längerfristige nationale Armutsstrategie bilden, die strukturelle Ursachen adressiert und Prävention wie Bekämpfung der Armut in der Schweiz koordiniert.
