Caritas Schweiz hat ein Positionspapier zur Erwerbsarmut veröffentlicht. Als Working Poor gelten Menschen, die erwerbstätig sind, deren Haushaltseinkommen aber nicht reicht, um Armut zu vermeiden. Gemäss den angeführten Zahlen des Bundesamts für Statistik waren 2024 8,8 Prozent der Erwerbstätigen armutsgefährdet, rund 357’000 Personen. Werden alle Haushaltsmitglieder einbezogen, die von diesem Einkommen abhängig sind, beläuft sich die Zahl auf rund 821’000 Menschen.
Die Armutsgefährdung unter Erwerbstätigen habe seit 2014 tendenziell zugenommen und 2024 den bislang höchsten Wert erreicht, hält Caritas fest. Viele Betroffene lebten knapp über der Armutsgrenze und hätten deshalb keinen Anspruch auf Sozialhilfe. Steigende Mieten, Krankenkassenprämien und Lebensmittelpreise belasteten ihre Budgets besonders stark.
Als Gründe nennt das Papier insbesondere tiefe Löhne, unsichere Arbeitsverhältnisse und kleine oder stark schwankende Arbeitspensen. Auch fehlende oder in der Schweiz nicht anerkannte Bildungsabschlüsse erschwerten den Zugang zu besser bezahlter Arbeit. Überdurchschnittliche Risiken bestünden etwa in der Gastronomie, im Detailhandel, bei Reinigungsarbeiten, im Bau sowie im Gesundheits- und Sozialwesen.
Besonders gefährdet seien unter anderem Alleinerziehende, Familien mit mehreren Kindern, Menschen mit Migrationshintergrund, Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen sowie Menschen ohne nachobligatorische Ausbildung. Bei Alleinerziehenden verschärfe sich die Lage durch die Schwierigkeit, Erwerbsarbeit und Betreuung von Kindern zu verbinden. Hohe Kosten und unpassende Öffnungszeiten erschwerten gerade bei Schichtarbeit den Zugang zu ausserfamiliärer Kinderbetreuung.
Caritas fordert deshalb existenzsichernde Mindestlöhne sowie genügend hohe und planbare Arbeitspensen. Ein Mindestlohn allein genüge nicht, wenn Einsätze auf Abruf erfolgten oder die Zahl der Arbeitsstunden von Monat zu Monat stark schwanke. Zudem spricht sich die Organisation für bezahlbare, bedarfsgerechte Kinderbetreuung und für Familien-Ergänzungsleistungen aus. Diese unterstützen Familien, deren Einkommen trotz Erwerbsarbeit nicht für den Lebensunterhalt reicht.
Weiter schlägt Caritas Arbeitsmarktstipendien für berufsorientierte Weiterbildung vor. Sie sollen nicht nur Kurskosten, sondern auch Einkommensausfälle und nötigenfalls Betreuungskosten abdecken. Solche Angebote gibt es laut Papier bereits in der Stadt Zürich und im Kanton Zug; in Winterthur ist eine Einführung vorgesehen. Für die diakonische Arbeit unterstreicht der Bericht, dass Armut auch Menschen treffen kann, die arbeiten: Beratung und Unterstützung müssen deshalb neben Erwerbslosigkeit ebenso unsichere Arbeit, Familienbelastungen, Bildung und Gesundheitskosten berücksichtigen.
Der Bundesrat soll bis Mitte 2027 eine nationale Armutsstrategie vorlegen. Caritas verlangt, dass diese Erwerbsarmut ausdrücklich aufnimmt, da arbeitende Armutsbetroffene andere Unterstützungsinstrumente benötigten als Menschen ohne Erwerbsarbeit.
