Diakonie Deutschland hat eine neue Arbeitshilfe zur Armutsbekämpfung veröffentlicht, die soziale Benachteiligung ausdrücklich unter geschlechtsspezifischen Gesichtspunkten betrachtet. Unter dem Titel «Ungleich arm. Geschlechtsspezifische Perspektiven und Handlungsoptionen für die Armutsbekämpfung» analysiert die Publikation die unterschiedlichen Auswirkungen von Armut auf Frauen, Männer und queere Menschen und formuliert politische sowie praktische Handlungsempfehlungen für die soziale Arbeit.
Wie die Diakonie Deutschland mitteilt, hänge die Ausprägung von Armut in Deutschland «viel davon ab, wie Geschlechterrollen gelebt und gesellschaftlich gefördert werden». Zahlreiche Fehlanreize führten dazu, dass Frauen wesentlich stärker von Armut betroffen seien als Männer. Gleichzeitig würden auch Männer unter traditionellen Rollenbildern leiden, «die auch sie selbst in ihren Entwicklungsmöglichkeiten beschneiden».
Die 38-seitige Arbeitshilfe widmet sich verschiedenen sozialen Problembereichen, darunter Arbeitsmarktintegration, Wohnungslosigkeit, Gewalt, Alleinerziehende sowie Straffälligenhilfe. Dabei wird immer wieder betont, dass Armut nicht isoliert betrachtet werden könne, sondern eng mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen und Geschlechterrollen verbunden sei. «Wirksame und aktive Armutsbekämpfung kann nur dann gelingen, wenn die Menschen in ihrer Ganzheit zusammenkommen und in einem Zustand der Gerechtigkeit und des Respekts ihre Persönlichkeit gemeinsam mit anderen entwickeln», heisst es in der Einleitung der Publikation.
Im Vorwort erklärt Elke Ronneberger, Bundesvorständin Sozialpolitik der Diakonie Deutschland, die Arbeitshilfe solle dazu beitragen, die «geschlechtsspezifischen Ausprägungen von Armut und sozialer Ausgrenzung stärker noch als bisher zu berücksichtigen». Zugleich verweist sie auf bestehenden Nachholbedarf innerhalb sozialer Arbeitsfelder.
Besonders ausführlich beschäftigt sich die Arbeitshilfe mit der Armutsgefährdung von Frauen. Laut den darin zitierten Zahlen waren 2024 in Deutschland 16,2 Prozent der Frauen von Armut betroffen, gegenüber 14,7 Prozent der Männer. Gründe dafür seien unter anderem ungleiche Verteilung von Sorgearbeit, Teilzeitbeschäftigung, niedrigere Löhne sowie steuerliche Fehlanreize wie das Ehegattensplitting. Zudem werde das traditionelle Modell des männlichen «Haupternährers» gesellschaftlich weiterhin begünstigt. Die Arbeitshilfe kritisiert, dass Frauen trotz höherer Bildungsabschlüsse oft schlechtere Chancen auf existenzsichernde Erwerbsarbeit hätten.
Auch Gewalt wird als Armutsfaktor thematisiert. Die Diakonie Deutschland verweist auf steigende Zahlen häuslicher und digitaler Gewalt sowie auf Femizide als extremste Form geschlechtsspezifischer Gewalt. Frauen mit Gewalterfahrungen seien häufig zusätzlich von finanzieller Unsicherheit betroffen, etwa durch Arbeitsplatzverlust oder Wohnungsverlust nach einer Flucht aus der Gewaltsituation.
Darüber hinaus widmet sich die Arbeitshilfe den besonderen Risiken für queere Menschen. Obwohl es Fortschritte bei der rechtlichen Gleichstellung gegeben habe, wirkten Diskriminierung und soziale Ausgrenzung fort, so die Diakonie Deutschland. Insbesondere trans* und inter* Menschen seien häufiger von prekären Beschäftigungsverhältnissen und Armut betroffen.
Die Publikation formuliert zahlreiche politische Forderungen. Dazu gehören bessere Kinderbetreuung, eine stärkere soziale Absicherung von Sorgearbeit, der Ausbau von Frauenhäusern und Beratungsangeboten sowie Reformen bei Sozialleistungen und Rentensystemen. Auch gendersensible Angebote in der Wohnungslosenhilfe und im Strafvollzug werden gefordert.
In den Schlussbemerkungen fordert die Diakonie Deutschland einen gesellschaftlichen Bewusstseinswandel. Traditionelle Rollenbilder und stereotype Vorstellungen müssten überwunden werden, damit Menschen unabhängig von Geschlecht oder sexueller Identität gleiche Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe erhielten. «Gewalt gegen Frauen und queere Menschen muss beispielsweise im Bewusstsein unserer Gesellschaft genauso geächtet sein wie Gewalt gegen Kinder», heisst es in der Arbeitshilfe.
