Eine aktuelle Studie der Rockwool Foundation Berlin untersucht erstmals systematisch, wie stark Eltern in der Schweiz bereit sind, für bestimmte schulische Rahmenbedingungen zu zahlen. Ausgangspunkt der Analyse ist die Besonderheit des schweizerischen Bildungssystems: Eine formale freie Schulwahl existiert kaum, der Schulbesuch ist in der Regel an den Wohnort gebunden. Wer eine bestimmte Schule bevorzugt, muss folglich den Wohnort wechseln – und damit oft höhere Mieten akzeptieren.
Die Autorinnen und Autoren Maria A. Cattaneo, Stefan Wolter und Thea Zöllner stützen sich auf ein sogenanntes Discrete-Choice-Experiment mit knapp 2 700 Eltern schulpflichtiger Kinder aus allen Sprachregionen der Schweiz. Den Befragten wurden realitätsnahe Entscheidungssituationen vorgelegt, in denen sie zwischen zwei fiktiven Wohnungen wählen mussten, die sich in Mietpreis und zugehöriger Schule unterschieden. Variiert wurden dabei die schulische Leistungsposition im kantonalen Vergleich, der Anteil fremdsprachiger Schülerinnen und Schüler sowie der Anteil von Kindern mit besonderem Bildungsbedarf.
Zentrales Ergebnis der Untersuchung ist, dass schulische Qualität für viele Eltern einen sehr hohen Stellenwert hat. Ein erheblicher Teil der Befragten zeigt sich gegenüber steigenden Wohnkosten nahezu unempfindlich, wenn damit der Zugang zu einer besonders leistungsstarken Schule verbunden ist. Unter den preissensibleren Eltern bleibt die schulische Qualität ebenfalls der wichtigste Faktor. So liegt die mittlere Zahlungsbereitschaft für den Wechsel von einer Schule im untersten Leistungsquartil zu einer Schule im obersten Quartil bei rund 487 Franken pro Monat. Auch für eine durchschnittlich bewertete Schule sind Eltern bereit, merklich höhere Mieten zu akzeptieren.
Darüber hinaus messen viele Eltern der Zusammensetzung der Schülerschaft Bedeutung bei. Eine Reduktion des Anteils von Kindern mit besonderem Bildungsbedarf von 30 auf 10 Prozent wird im Median mit über 150 Franken zusätzlicher monatlicher Miete bewertet. Auch ein geringerer Anteil fremdsprachiger Schülerinnen und Schüler wirkt sich positiv auf die Zahlungsbereitschaft aus, wenngleich deutlich schwächer. Die Studie betont zugleich, dass die Einstellungen hierzu stark variieren und keineswegs einheitlich sind.
Besonders aufschlussreich sind die festgestellten Wechselwirkungen: Die Zahlungsbereitschaft für einen niedrigeren Anteil von Kindern mit besonderem Bildungsbedarf ist am höchsten, wenn die Schule zugleich zu den leistungsstärksten gehört. Eltern scheinen gerade bei sehr guten Schulen besonders sensibel auf mögliche Veränderungen der Lernumgebung zu reagieren, heisst es sinngemäss in der Studie. Insgesamt identifizieren die Forschenden sieben unterschiedliche Elterntypen mit teils stark divergierenden Präferenzen – von kostenunempfindlichen, leistungsorientierten Gruppen bis hin zu stark budgetgebundenen Eltern, die inklusiven Schulformen eher positiv gegenüberstehen.
Die Ergebnisse werfen ein Schlaglicht auf die Spannungen zwischen elterlichen Präferenzen, Wohnungsmarkt und bildungspolitischen Zielen. Insbesondere für die inklusive Schule bedeuten sie eine Herausforderung, da Reformen je nach schulischem Umfeld auf sehr unterschiedliche Akzeptanz stossen können. Gleichzeitig unterstreicht die Studie, wie stark Bildungsungleichheiten in der Schweiz über den Wohnort vermittelt werden und wie eng Bildungs- und Wohnungspolitik miteinander verflochten sind.
