Der gesamteuropäische Diakonie-Dachverband Eurodiaconia sieht in der zunehmenden Familienobdachlosigkeit eine der am wenigsten sichtbaren sozialen Krisen Europas. In einem neuen Bericht beschreibt das Netzwerk aus Kirchen und christlichen Sozialorganisationen, dass Familien mit Kindern zwar selten auf der Strasse lebten, ihre Notlage aber häufig in provisorischen Unterkünften, Hotels oder bei Bekannten verborgen bleibe. Gerade diese Unsichtbarkeit erschwere politische Reaktionen und statistische Erfassung erheblich.
Der Bericht «Family Homelessness in Europe» basiert auf Erfahrungen von Mitgliedsorganisationen aus Deutschland, Dänemark, Schweden, Italien, den Niederlanden und Ungarn. Eurodiaconia erklärt, Familienobdachlosigkeit werde in Europa durch steigende Wohnkosten, höhere Lebenshaltungsausgaben, zunehmende Zwangsräumungen und den Druck auf soziale Sicherungssysteme weiter verschärft. Besonders betroffen seien Alleinerziehende, meist Frauen mit Kindern, ebenso Familien mit Migrations- oder Fluchterfahrung.
Nach Angaben des Berichts schliefen europaweit im Jahr 2024 schätzungsweise 400’000 Kinder in Notunterkünften, provisorischen Unterkünften oder ohne festen Wohnsitz. Familienobdachlosigkeit sei «stark geschlechtsspezifisch geprägt» und stehe oft im Zusammenhang mit Armut, fehlendem bezahlbarem Wohnraum, Trennungen oder häuslicher Gewalt, so die Studie.
Viele Familien versuchten laut Bericht, ihre Situation möglichst verborgen zu halten. «Die meisten Familien leben in Notunterkünften oder provisorischen Unterkünften oder sind auf prekäre und informelle Wohnlösungen angewiesen», heisst es in der Untersuchung. Aus Angst vor Stigmatisierung oder davor, dass Kinder aus der Familie genommen werden könnten, nähmen viele Betroffene keine Hilfe in Anspruch.
Der Bericht verweist zugleich auf erhebliche Unterschiede innerhalb Europas. Während Familienobdachlosigkeit etwa in Deutschland statistisch vergleichsweise gut dokumentiert sei, bleibe sie in vielen anderen Staaten kaum sichtbar. In Schweden wiederum sei die Zahl der Zwangsräumungen seit 2020 um 60 Prozent gestiegen. In Deutschland machten Haushalte mit Kindern laut Bundesstatistik inzwischen rund 51 Prozent der untergebrachten obdachlosen Haushalte aus.
Als zentrale Ursachen nennt Eurodiaconia vor allem fehlenden bezahlbaren Wohnraum. «Unbezahlbarer Wohnraum ist in allen Ländern die grösste Hürde», hält der Bericht fest. Sozialleistungen und Einkommen hielten mit den steigenden Mieten vielerorts nicht Schritt. Besonders schwierig sei die Situation für Alleinerziehende, die wegen Betreuungsaufgaben oft nur eingeschränkt am Arbeitsmarkt teilnehmen könnten.
Kritisch bewertet der gesamteuropäische Diakonie-Dachverband auch die teilweise unzureichende politische Aufmerksamkeit. Zwar nehme das Bewusstsein für Familienobdachlosigkeit zu, doch reichten die bisherigen Massnahmen vielerorts nicht aus. Prävention werde häufig erst dann aktiv, wenn Familien ihre Wohnung bereits verloren hätten.
Eurodiaconia fordert deshalb einen deutlich stärkeren Ausbau sozialer und bezahlbarer Wohnungen, bessere Schutzmechanismen gegen Zwangsräumungen und langfristig finanzierte Präventionsangebote. Familien mit Kindern dürften «nicht ohne angemessene Wohnalternative» aus ihrer Wohnung verdrängt werden, so die Empfehlungen. Zugleich müsse verhindert werden, dass Obdachlosigkeit allein zur Trennung von Familien führe.
Zu den beteiligten Organisationen gehören unter anderem die Diakonie Deutschland, Diakonie Düsseldorf, die schwedische Organisation Swedish Association of City Missions, Kerk in Actie aus den Niederlanden sowie die ungarische Organisation Hungarian Interchurch Aid. Die Erfahrungen dieser Einrichtungen seien in die Analyse und die politischen Empfehlungen eingeflossen.
