Die deutsche Bertelsmann Stiftung hat den Online‑Stellenmarkt umfassend ausgewertet und kommt zu einem nüchternen Befund: Unternehmen werben deutlich öfter mit Zeitsouveränität als mit konkreter Familienfreundlichkeit – und formulieren zugleich spürbare Anforderungen an die zeitliche und räumliche Verfügbarkeit. In einer Vollerhebung von 7,7 Millionen Stellenanzeigen des Jahres 2024 fanden sich in 37,8 Prozent Angebote zur Zeitsouveränität, etwa flexible oder gestaltbare Arbeitszeiten. Familienfreundliche Angebote traten hingegen nur in 16,4 Prozent der Anzeigen auf. Erwartungen an die Arbeitszeit tauchten in 14,6 Prozent, Mobilitätsanforderungen in 7,8 Prozent auf.
Auffällig ist gemäss Mitteilung, wie selten Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber Familienfreundlichkeit explizit benennen: Nur 12 Prozent der Anzeigen enthalten ein Bekenntnis zur «Vereinbarkeit» von Beruf und Privatleben; Unterstützung bei der Kinderbetreuung wird in lediglich 2,7 Prozent angeboten. Gleichzeitig ermöglichen 25 Prozent flexible Verteilung der Arbeitsstunden, doch nur 14 Prozent lassen den Umfang der Arbeitszeit frei wählen. «Das ,Ja‘ zur Familienfreundlichkeit fehlt in der Mehrzahl der Stellenanzeigen», so der Arbeitsmarktexperte Eric Thode. «Sonst verliert das Unternehmen den Wettbewerb um die besten Köpfe – egal ob Frauen oder Männer.»
Die Unterschiede zwischen Berufsbereichen sind markant. In frauendominierten Berufen werben Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber häufiger mit wählbarem Arbeitszeitumfang (24 Prozent), während diese Option in männerdominierten Berufen nur in 7 Prozent der Anzeigen vorkommt. Gleichzeitig stellen männerdominierte Bereiche höhere Anforderungen an die Arbeitszeit – 18,6 Prozent gegenüber 13,9 Prozent in frauendominierten Berufen – und verlangen öfter räumliche Flexibilität (9,3 Prozent vs. 3,3 Prozent). Dies senke die Wahrscheinlichkeit, dass sich Frauen auf solche Stellen bewerben, und erschwere Männern, in Phasen erhöhter Sorgearbeit etwa in Teilzeit zu arbeiten, heisst es.
Auch nach Anforderungsniveau zeigt sich ein klares Muster. Für Tätigkeiten auf Expertinnen‑ und Expertenniveau (z. B. Masterabschluss) werden familienfreundliche Elemente häufiger genannt als auf Helferinnen‑ und Helferniveau (21,4 Prozent vs. 11,2 Prozent). Gleichzeitig steigt oben die Erwartung an räumliche Mobilität; bei der Flexibilisierung der Lage der Arbeitszeiten liegen Expertinnen und Experten mit 33 Prozent vorn, während Helferinnen und Helfer bei 14 Prozent und Fachkräfte bei 20 Prozent liegen. «Beschäftigte mit geringer und mittlerer Qualifikation werden klar benachteiligt», sagt Studienmitautorin Michaela Hermann. Solche Angebote auch für Helferinnen und Helfer sowie Fachkräfte seien ein Hebel, um Mitarbeitende zu gewinnen und zu binden.
Die Studie basiert auf einer methodisch abgesicherten Textanalyse («Family Compatibility»-Modell) der Bertelsmann Stiftung (Deutschland) mit Daten des Jobmonitors und des Anbieters Textkernel. Neben der Vollerhebung 2024 wurde ein repräsentatives Sample von rund 9,79 Millionen Anzeigen aus den Jahren 2018 bis 2024 untersucht. Die Autorinnen und Autoren sehen Unternehmen in der Pflicht, echte Zeitsouveränität und Familienfreundlichkeit über alle Anforderungsniveaus hinweg anzubieten und diese in Anzeigen klar zu kommunizieren – nicht zuletzt auch in männerdominierten Branchen.
