Frauen in der Schweiz bringen öffentlichen Institutionen deutlich weniger Vertrauen entgegen als Männer. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue OECD-Studie, die im Auftrag des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG) erstellt wurde. Zwar gehöre die Schweiz im internationalen Vergleich weiterhin zu den Ländern mit dem höchsten institutionellen Vertrauen, gleichzeitig weise sie aber eines der grössten geschlechtsspezifischen Gefälle unter den 30 untersuchten OECD-Staaten auf.
Grundlage der Untersuchung bildet die OECD-Vertrauensumfrage 2023. Diese zeigt, dass 62 Prozent der Bevölkerung der Schweizer Bundesregierung ein hohes oder eher hohes Vertrauen entgegenbringen – deutlich mehr als der OECD-Durchschnitt von 39 Prozent. Besonders hoch ist das Vertrauen in Polizei (75 Prozent), Gerichte (69 Prozent) sowie in die lokalen Behörden (63 Prozent). Vergleichsweise gering fällt es dagegen gegenüber politischen Parteien (38 Prozent) und den Medien (40 Prozent) aus.
Hinter diesen insgesamt positiven Werten verbergen sich laut der Studie jedoch erhebliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Frauen äussern gegenüber neun der elf untersuchten Institutionen ein signifikant geringeres Vertrauen und bewerten sämtliche sechs untersuchten Bereiche der öffentlichen Governance kritischer. Besonders ausgeprägt seien die Unterschiede bei der Wahrnehmung von Offenheit und Fairness staatlichen Handelns.
Auch bei der politischen Teilhabe zeigen sich deutliche Unterschiede. Gemäss Mitteilung vertrauen lediglich 45 Prozent der Frauen darauf, am politischen Leben teilnehmen zu können, gegenüber 65 Prozent der Männer. Zudem geben 26 Prozent der Frauen an, sich an keiner politischen Aktivität beteiligt zu haben; bei den Männern liegt dieser Anteil bei 17 Prozent. Dieser Unterschied sei nahezu doppelt so gross wie im OECD-Durchschnitt.
Die Studie verweist ausserdem auf Unterschiede bei den Erfahrungen mit öffentlichen Dienstleistungen. Frauen seien seltener der Ansicht, dass Behörden Anträge gleich behandeln, Informationen leicht zugänglich seien oder Beschwerden wirksam berücksichtigt würden. Auch die staatliche Entscheidungsfindung werde von Frauen kritischer beurteilt. So seien sie weniger überzeugt, dass unterschiedliche gesellschaftliche und regionale Interessen angemessen vertreten würden oder politische Entscheidungen auf den besten verfügbaren Erkenntnissen beruhten.
Die OECD sieht darin eine demokratiepolitisch relevante Herausforderung. Vertrauen beeinflusse unter anderem die Nutzung öffentlicher Dienstleistungen, die politische Beteiligung und die Unterstützung staatlicher Reformen. Als mögliche Ansatzpunkte nennt die Studie eine stärkere politische Einbindung von Mädchen und Frauen, eine bessere Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Erwartungen bei öffentlichen Dienstleistungen, transparentere Verwaltungsverfahren sowie den weiteren Ausbau geschlechtsspezifischer Datenerhebungen. Die Ergebnisse sollen nach Angaben des EBG in die Weiterentwicklung der Gleichstellungsstrategie 2030 des Bundes einfliessen.
