„Gesundheit betrifft nicht nur den Körper“

„Gesundheit betrifft nicht nur den Körper“

In einer Zeit, in der manche Krankenhäuser Seelsorgende stärker in die Pflegeteams integrieren – selbst wenn dies bedeutet, ihre Erkennungsmerkmale zu verwischen –, verändert sich die Rolle der Seelsorge. Ein Gespräch mit Claudia Kohli, Leiterin des Kompetenzzentrums Seelsorge im Gesundheitswesen (KSiG).

Im Hôpital du Jura tragen die Seelsorgenden nun weisse Kittel. Was halten Sie von dieser Entwicklung?
In der Schweiz zeigt sich die Seelsorge in unterschiedlichen Formen – geprägt von kantonalen, institutionellen und konfessionellen Kontexten. Während einige Modelle stärker sichtbar kirchlich verankert sind, setzen andere auf eine engere Integration in die klinische Praxis. Diese Vielfalt kann fruchtbar sein, wenn die Rollen und Zuständigkeiten transparent bleiben. Gesundheit betrifft nicht nur den Körper: Krankheit berührt auch Fragen nach dem Sinn, nach Ängsten und nach Beziehungen. Eine sichtbare Präsenz der Seelsorgenden – etwa durch das Tragen eines Kittels – kann die Integration ins Team unterstreichen und den Zugang erleichtern. Sie kann dazu beitragen, dass spirituelle Begleitung im Alltag selbstverständlich in Anspruch genommen wird. Entscheidend ist jedoch nicht das Tragen eines Kittels, sondern die Qualität der Beziehung und die Klarheit der Rolle.

Ist die Integration in die Pflegeteams ein Pluspunkt?
Im Gesundheitswesen wird die Versorgung zunehmend interprofessionell gestaltet. Angesichts komplexer Situationen – schwere Krankheiten, Palliative Care – gehen die Bedürfnisse oft über den medizinischen Bereich hinaus.Seelsorge kann hier einen wichtigen Beitrag leisten. Sie unterstützt nicht nur Patientinnen und Patienten und ihre Angehörigen, sondern auch Mitarbeitende im Umgang mit existenziellen Fragen. Sie schafft Räume, in denen Ängste ausgesprochen, Verluste verarbeitet, Werte geklärt und schwierige Entscheidungen – besonders am Lebensende – innerlich eingeordnet werden können. Ihr Beitrag liegt in der Aufmerksamkeit für Fragen nach Sinn, Hoffnung und Spiritualität. So ergänzt sie die anderen Gesundheitsberufe und trägt zu einer ganzheitlicheren Begleitung bei. Voraussetzung dafür ist eine klare Rollenklärung und eine gut abgestimmte Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Professionen.

In Delémont unterstehen die Teams der Pflegeleitung. Ist das ein Risiko für ihre Autonomie?
Die zentrale Frage ist nicht die Position der Seelsorgenden im Organigramm als vielmehr die Sicherung ihrer beruflichen Freiheit, der Vertraulichkeit und der Qualitätsstandards. Eine institutionelle Anbindung kann die Sichtbarkeit, die Vernetzung und die Koordination stärken. Gleichzeitig braucht die Seelsorge einen eigenen, geschützten Raum, der sich an der Einzigartigkeit jeder Situation orientiert. Sie folgt nicht in erster Linie einer Logik der Effizienz, sondern versteht sich als Präsenz dort, wo menschliche Begleitung besonders gefragt ist.

Fördert diese Integration die Anerkennung der Seelsorge?
Eine sichtbare und gut integrierte Präsenz kann den Zugang erleichtern und Vertrauen fördern. Anerkennung entsteht jedoch vor allem in der Qualität der Begegnungen: im Zuhören, im Respekt, in der Diskretion und in der Verlässlichkeit. Das Bild der Seelsorge entwickelt sich oft aus der konkreten Erfahrung heraus, im Zusammenspiel mit persönlichen Einstellungen. Noch immer wird sie bisweilen auf religiöse Riten reduziert, obwohl sie eine existenzielle Begleitung im Umgang mit Krankheit, Unsicherheit und Verlusten bietet.

Kann das Krankenhaus als eine Art Gemeinde betrachtet werden?
Das Krankenhaus ist ein Ort, an dem sich das Leben mit besonderer Intensität zeigt. Seelsorge wird dort als konkrete Präsenz erfahrbar – im Zuhören, durch Unterstützung, Rituale, wenn sie gewünscht sind, und Nähe in Zeiten von Verletzlichkeit. So kann dieser Ort auch als ein besonderer kirchlicher Raum verstanden werden: offen für alle, getragen vom Respekt gegenüber den Lebensgeschichten und Überzeugungen jeder einzelnen Person.

Sollten Formen der säkularen Seelsorge entwickelt werden?
Wir leben in einer vielfältigen Gesellschaft, in der viele Menschen keiner religiösen Gemeinschaft angehören und zugleich spirituelle, existenzielle oder ethische Fragen in sich tragen. Die Seelsorge – auch wenn sie von den Kirchen getragen wird – richtet sich deshalb an alle. Sie bietet einen Raum, in dem Sprache, Überzeugungen und Lebenswege der einzelnen Person ernst genommen werden. Dabei geht es nicht darum, religiöse und säkulare Perspektiven gegeneinanderzustellen. Entscheidend ist vielmehr, eine professionelle Begleitung von hoher Qualität sicherzustellen, die für alle zugänglich ist und die Vielfalt der Lebenswege respektiert.

Sollte man sich stärker für andere Religionen öffnen?
Die Spitalwelt spiegelt die religiöse und kulturelle Vielfalt der Gesellschaft wider. Wenn wir personenzentriert arbeiten möchten, ist es wichtig, diese Realität ernst zu nehmen. Seelsorge versteht sich dabei nicht in erster Linie als konfessionelles Angebot, sondern als professionelle Unterstützung, die allen offensteht und sich an den Bedürfnissen der einzelnen Person orientiert. Religiöse Aspekte können einbezogen werden, wenn sie gewünscht oder relevant sind – zum Beispiel Gebet, Riten oder die Sterbebegleitung für muslimische Patienten. Vergleichbare Bedürfnisse bestehen auch in anderen Traditionen. In Krisenzeiten gewinnen diese Fragen oft große Bedeutung. Das bedeutet nicht, dass überall umfassende Seelsorgestrukturen für jede Religion geschaffen werden müssen. Vielmehr geht es darum, tragfähige und flexible Lösungen zu entwickeln – durch Kooperationen, Netzwerke, qualifizierte Ansprechpersonen und den Ausbau multireligiöser Kompetenzen.

Was sind heute die grössten Herausforderungen?
Es geht darum, den Beitrag der Seelsorge besser sichtbar zu machen, mit klaren Kriterien und mehr Forschung zu ihren Wirkungen. Zugleich gilt es, der Vielfalt von Überzeugungen mit Offenheit, Dialogbereitschaft und Respekt zu begegnen. Die Veränderungen im Gesundheitswesen – Zeitdruck, Personalmangel, Digitalisierung, wirtschaftliche Zwänge und komplexe ethische Fragen – machen es umso wichtiger, Räume für Würde und Menschlichkeit zu bewahren. Und bei allem Wandel bleibt das Entscheidende: für die Menschen da zu sein – in den Momenten, in denen sie leiden, hoffen oder nach Sinn suchen.

Das Interview wurde in französischer Sprache geführt und anschliessend übersetzt.