Ist das Internet schuld am Freiwilligensterben?
Internetnutzer sind weniger wahrscheinlich in Vereinen freiwillig tätig. Das ist die kürzest mögliche Zusammenfassung der Ergebnisse einer jüngst veröffentlichten Studie. Markus Freitag und Maximilian Filsinger von der Universität Bern haben untersucht, wie die Internetnutzung mit der Bereitschaft zur Freiwilligenarbeit in Vereinen in Verbindung gebracht werden kann.
Dieser Rückzug ins Private werde allenthalben mit dem Aufkommen des Internets und der Digitalisierung unserer Lebenswelt in Verbindung gebracht. Besonders die Vereine litten darunter, sei diese doch durch ein höheres Mass an Regelmässigkeit und Verpflichtung gekennzeichnet als zum Beispiel die Nachbarschaftshilfe. Sie sei deshalb „verwundbarer“, wenn es um den eigenen Einsatz ginge.
Betrachten junge Menschen das Internet eher als Alternative zur Freiwilligenarbeit, hilft es älteren Menschen eher dazu, Hürden auf dem Weg zur Freiwilligenarbeit abzubauen.
Das Internet mobilisiert ältere Menschen, leiten Freitag und Filsinger daraus ab. Sie könnten einfacher und schneller kommunizieren. Ausserdem verliere eine mögliche eingeschränkte Mobilität den Status einer unüberbrückbaren Barriere, da bestimmte Aufgaben nun auch online erledigt werden könnten. Schliesslich hofften ältere Menschen eher auf Gegenseitigkeit, später selbst Hilfe zu erhalten, wenn sie sich jetzt engagierten. In Zeiten einer älter werdenden Gesellschaft mögen diese Ergebnisse „die eine oder den anderen sicher hoffnungsfroh stimmen“, so die Forscher
Trägt das Internet zum organisierten Freiwilligensterben bei?
Ebenfalls relevant ist laut der Studie noch die Frage, ob soziale Medien genutzt werden oder nicht. Facebook und Twitter wirkten nicht sozial isolierend, sondern beflügelten die Zahl sozialer Kontakte, da sie interaktiv ausgelegt seien. Lediglich wer auf die Interaktivität verzichte und vor allem reine Streaming-Plattformen wie Netflix konsumiere, isoliere sich. Freilich liegt die Vermutung nahe, dass Menschen, die auch Online aktiv die Interaktion vermeiden, sich ohne Internet trotzdem nicht freiwillig engagierten, einfach weil es ihnen nicht liegt. Trägt das Internet zum organisierten Freiwilligensterben bei? Das könne nicht mit Gewissheit bewertet werden, so Markus Freitag gegenüber diakonie.ch. Die Forschungen stünden noch am Anfang; weiteren Fragen der Kausalität und des Einflusses verschiedener Nutzungsarten gelte es in Zukunft nachzugehen.
Auch der 2016 zuletzt veröffentlichte Freiwilligen-Monitor stellt die Abnahme der freiwilligen Tätigkeit in Vereinen fest. Waren 2006 noch 28 Prozent der Wohnbevölkerung ab 15 Jahren in Organisationen tätig, sank diese Zahl bis 2014 auf 25 Prozent Leicht auf 38 Prozent angestiegen ist demnach hingegen die Zahl derjenigen, die sich ausserhalb von Organisationen zum Beispiel in der Nachbarschaftshilfe betätigen.
Was soll Vereinen die Untersuchung nun sagen? Sollen sie im Internet auf Freiwilligenakquise gehen, indem sie denen, die noch nicht wollen, dort begegnen? „Vereine müssen sich der digitalen Revolution stellen“, betont Freitag. Hilfreich sei schon ein vielleicht von jungen Menschen konzipierter „ordentlicher Internetauftritt“ und die Vernetzung auf sozialen Plattformen. Möglichkeiten gebe es ausserdem in der Lockerung von Machtstrukturen und Pflichten oder darin, Neumitgliedern mehr Mitspracherecht einzuräumen. Freitag: „Und nicht zuletzt müssen sie viel daran setzen, Angebote für junge Menschen zu schaffen – denn sie sind die Motoren der Vereine“.
Material
Freiwillige ermöglichen der Schweiz eine vielfältige Vereinslandschaft und ein starkes soziales Engagement. Rund 200’000 oder rund sechs Prozent der Schweizerinnen und Schweizer sind in Kirche und Diakonie aktiv. Bei der Organisation dieser Freiwilligenarbeit stellen sich viele Fragen. Der jüngst überarbeitete „Leitfaden zur Freiwilligenarbeit für reformierte Kirchgemeinden“ gibt Orientierung.