«Kaum Gesundheitsangebote» für gehörlose und schwerhörige Menschen

21. Aug. 2025

Gehörlose und schwerhörige Menschen stossen in der Schweiz beim Zugang zur Gesundheitsversorgung auf zahlreiche Hürden. Eine neue Studie zeigt Defizite – und legt zehn Empfehlungen vor.

Die Hochschule für Soziale Arbeit FHNW und die HES‑SO Fribourg haben im Auftrag des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen (EBGB) und des Bundesamts für Gesundheit (BAG) eine umfassende Situations- und Bedarfsanalyse vorgelegt. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass zentrale Elemente der Versorgung für Betroffene unzureichend zugänglich sind – von der Terminvereinbarung bis zur Aufklärung und Einwilligung in Behandlungen. Eine begleitende FHNW-Mitteilung fasst die Lage zugespitzt zusammen: «Diese Situation ist für gehörlose und schwerhörige Menschen eine dauernde Herausforderung: Fachpersonen mangelt es an Wissen und Kompetenzen und sie verhalten sich entsprechend unangemessen.»

Die Autorinnen und Autoren der Studie identifizieren schweizweit lediglich 30 spezifische Angebote, die einen angepassten Zugang ermöglichen sollen – mit deutlichen regionalen Unterschieden. Besonders ausgebaut sind Strukturen in den Kantonen Genf und Waadt; andernorts finden sich nur vereinzelte Leistungen, etwa in Psychotherapie oder Physiotherapie in Gebärdensprache. «Von dem Ziel, dass alle gehörlosen und schwerhörigen Personen in der Schweiz eine für sie gut zugängliche Gesundheitsversorgung finden können, ist man heute noch weit entfernt», heisst es in der Zusammenfassung.

Im internationalen Vergleich attestiert die FHNW der Schweiz Rückstand. In Frankreich bieten Unités d’Accueil et de Soins pour les Sourds (UASS) an grossen Spitälern eine zentrale Anlaufstelle, in Österreich bestehen Gesundheitszentren für gehörlose Menschen, in Italien steht ein 24/7‑Videodolmetschdienst zur Verfügung – auch für Notfälle. Die Studie verweist darauf, dass staatlich geplante, spezialisierte Einheiten Barrieren messbar senken können.

Die strukturellen Hindernisse wirken sich unmittelbar auf die Versorgungsqualität aus. Gemäss Studie erschweren Zeitdruck, Personalmangel, fehlender Informationsfluss in Kliniken sowie unpassende räumliche Bedingungen die Behandlung zusätzlich. Unklarheiten bei Zuständigkeiten und Finanzierung – etwa bei Gebärdensprachdolmetschdiensten – belasten Betroffene und Einrichtungen gleichermassen. In sensiblen Bereichen wie Psychiatrie, Psychotherapie sowie Gynäkologie und Geburtshilfe sei direkte, vertrauliche Kommunikation zentral, betont die FHNW.

Als Antwort formuliert das Projektteam zehn Empfehlungen. Dazu zählen niederschwellige, barrierefreie Kontaktwege (Online-Buchungen, SMS, verschlüsselte E‑Mails), standardisierte Kommunikationshilfen in Praxen und Spitälern, klar geregelte und jederzeit verfügbare Dolmetschleistungen – inklusive 24/7‑Videodolmetschen – sowie eine verbindliche Verankerung patientenzentrierter, barrierefreier Kommunikation in Aus- und Weiterbildungen aller Gesundheitsberufe. Zentral ist auch der Aufbau spezialisierter Einheiten an Universitäts- und Zentrumsspitälern, die sich regional vernetzen und ambulante Angebote schulen und unterstützen. Schliesslich sollen Gesundheitsinformationen barrierefrei – in Leichter Sprache und in Gebärdensprach-Videos – zugänglich gemacht und partizipativ entwickelt werden.

Die Studie macht deutlich: Ohne koordinierten Ausbau von Strukturen, Kompetenzen und Hilfsmitteln bleibt der Zugang zur medizinischen Grund- und Spezialversorgung für Betroffene dem Zufall überlassen. Der Handlungsauftrag an Bund, Kantone und Leistungserbringende ist formuliert – nun liegt es an ihnen, die Empfehlungen in der gesamten Schweiz umzusetzen.