Die Diakonie Schweiz rückt mit der neuen Online-Weiterbildungsreihe „Diakonie und KI“ ein Thema ins Zentrum, das den Berufsalltag von Sozialdiakoninnen und Sozialdiakonen, Pfarrpersonen und Mitarbeitenden in kirchlichen Werken bereits spürbar verändert. Ziel ist es, Grundlagen der Künstlichen Intelligenz verständlich zu machen, erste Anwendungsfelder im Alltag und im sozialfachlichen Kontext zu erschliessen sowie Chancen und Herausforderungen interdisziplinär zu diskutieren. Die Reihe läuft von August 2025 bis Januar 2026. Modul 2 wurde von Antonia Zahner gestaltet, Inhaberin von „Blickpunkt Kommunikation“. Sie führte die Teilnehmenden mit einem klaren Praxisfokus durch Text‑ und Bildwerkzeuge – mit Schwerpunkt auf ChatGPT und gängige Bildgeneratoren – und liess die Anwendungen in Gruppenarbeit erproben.
Vom Alltagsnutzen bis zur Ethik
Zahner ordnet zu Beginn den Stand der Dinge: KI‑Tools werden nicht nur im Büroalltag, sondern „immer mehr als Coach und für Privates genutzt“, wie eine Folie pointiert festhält. Sie plädiert für einen gelassenen, aber strukturierten Einstieg – und warnt vor Effekthascherei. Die „Gefahr“ von FOMO („Fear of missing out“) und FOBO („Fear of better option“) gehöre zum neuen Werkzeugkasten, die Antwort bestehe in kluger Reduktion auf wenige, tragfähige Tools und in sauberem Vorgehen beim Prompting. In einem der zentralen Leitsätze fasst Zahner zusammen: „Nutzen Sie KI-Tools als Co-Piloten nicht als Auto-Piloten.“
Zahner zeigt die Bandbreite der Einsatzgebiete: Texte entwerfen, korrigieren, zusammenfassen und übersetzen; Recherchen anstossen und strukturieren; Material für Unterricht, Projekte und Veranstaltungen vorbereiten; Workflows in Kommunikation und Administration beschleunigen; Bildideen ausarbeiten und Bildmaterial gestalten, inklusive Transformation hochgeladener Fotos. Die Beispiele reichen von Predigt‑Skizzen, FAQ‑Entwürfen und Einladungen über Redaktionspläne bis zu Bildstrecken für die Kinder‑ und Jugendarbeit. Gleichzeitig macht sie die Grenzen transparent: Sprachmodelle können mit Richtigkeit, Ironie, emotionalem Verständnis und Domänenkenntnis ringen; sie besitzen keine „menschlichen Recherchefähigkeiten“, treffen Annahmen und stellen ohne Aufforderung „keine Fragen“. Dagegen helfe strukturiertes Prompting, die bewusste Modellwahl und ein sauberer Faktencheck, idealerweise mit KI‑gestützter Suche und verifizierbaren Quellen.
Nutzung nimmt zu – in Kirche und Gesellschaft
Ein Diagramm in Zahners Foliensatz veranschaulicht die Dynamik: Die Nutzung von KI‑Tools ist verbreitet, Jüngere greifen häufiger und breiter zu als Ältere. Diese Beobachtungen decken sich mit Schweizer Daten zur allgemeinen Nutzung: Eine Studie der Universität Zürich (IKMZ) im Rahmen des World Internet Project berichtet, dass 2024 bereits 54 Prozent der Schweizer Internetnutzenden KI‑Tools verwendet haben – ein Anstieg um 17 Prozentpunkte gegenüber 2023; fast alle (98 Prozent) haben von KI‑Tools gehört.
Europaweit belegt Eurostat den Schub bei Unternehmen: Nutzen 2023 erst 8 Prozent der EU‑Firmen KI, waren es 2024 bereits 13,5 Prozent; in grossen Unternehmen lag der Anteil 2024 bei gut 41 Prozent. Frankreich meldet für 2024 in der Unternehmenslandschaft „eine von zehn“ Firmen mit KI‑Einsatz; Österreich verzeichnete zwischen 2023 und 2024 beinahe eine Verdopplung von 11 auf 20 Prozent. In Deutschland schliesslich zeigt die jüngste Bitkom‑Befragung: Rund 36 Prozent der Unternehmen setzen inzwischen KI ein, nach 20 Prozent im Vorjahr.
Für die Schweiz lassen sich – neben Bevölkerungsdaten – Hinweise aus der KMU‑Arbeitsmarktstudie von AXA ablesen: Demnach hatten 2024 „mehr als die Hälfte“ der Schweizer KMU KI bereits in Arbeitsprozesse integriert, was den praktischen Charakter vieler Anwendungsfälle illustriert, von Prozessautomatisierung bis Kundenkontakt. Ein wirtschaftlicher Blick ergänzt das Bild: Studien veranschlagen für generative KI ein beträchtliches Wertschöpfungspotenzial – die Implement Consulting Group etwa schätzt den möglichen Beitrag zum BIP der Schweiz binnen zehn Jahren auf 80 bis 85 Milliarden Franken.
„KI ist wie E‑Bike fahren“: Haltung, Didaktik, Sicherheit
Zahner nutzt ein eingängiges Bild: „KI ist wie E‑Bike fahren. KI ist Ihr Assistent, nicht Ihre Konkurrenz. Sparringspartner und Co‑Pilot. Delegieren Sie Aufgaben und konzentrieren Sie sich auf das, was Sie gerne machen.“ Die Didaktik ist klar: kleine Schritte, bewusste Modellwahl, einfache Prompts, dann verfeinern. Zugleich mahnt sie zur Sorgfalt im Datenschutz: In Gratis-Modellen sei „keine Nutzung mit Personendaten oder vertraulichen Daten“ angezeigt; Teams‑ und Enterprise‑Modelle böten hier bessere Vorkehrungen. Urheberrechtlich erinnert sie daran, dass es „keine Vereinheitlichung der rechtlichen Nutzungsmöglichkeiten von KI Tools“ gibt – die Regeln der einzelnen Dienste seien zu beachten.
Dass Co‑Pilot‑Szenarien produktiver sind als reiner Auto‑Pilot, stützen auch externe Studien. Procter & Gamble berichtet über ein Feldexperiment mit Forschenden der Harvard Business School und der Wharton School: Teams, die mit KI arbeiteten, waren rund 12 Prozent schneller; die besten Ergebnisse erzielte die Kombination aus menschlicher Zusammenarbeit und KI. Das korrespondiert mit weiteren Arbeiten zu Teamarbeit und Agenten‑Unterstützung, die Geschwindigkeits‑ und Qualitätsgewinne, aber auch die Notwendigkeit von AI‑Literacy und Supervision betonen. Für die diakonische Praxis heisst das: KI entfaltet ihren Nutzen dort, wo Fachlichkeit, Teamarbeit und Ethos den Rahmen setzen.
Länderblick: Schweiz, Deutschland, Österreich, Frankreich
Die Schweiz zeigt in der Bevölkerung eine rasche Diffusion von KI‑Werkzeugen und im KMU‑Segment eine hohe Bereitschaft zur Integration. Deutschland verzeichnet eine starke Trendwende in der Breite der Wirtschaft: Ein gutes Drittel der Unternehmen nutzt KI bereits, und die Zukunftserwartungen sind hoch. Österreich gelingt der Sprung in kurzer Zeit, insbesondere im Dienstleistungssektor, während Frankreich – gemessen an Unternehmensanteilen – 2024 noch zurückhaltender agiert, mit deutlicher Dynamik in IKT‑Branchen. Diese Unterschiede spiegeln regulatorische Rahmensetzungen, Investitionsklima, Branchenstruktur und Verfügbarkeit von Kompetenzen. Für die Diakonie bedeutet das: Lösungen müssen lokal verankert sein, europäische Good Practices lassen sich aber adaptieren – etwa bei barrierefreien Assistenzsystemen, Übersetzungstools oder Wissensorganisation im Sozialraum.
Praxisfelder der Sozialdiakonie: Wo KI sofort hilft
Im schweizerischen Kontext der Sozialdiakonie – einem Berufsfeld an der Schnittstelle von Kirche und Gesellschaft – eröffnen KI‑Werkzeuge konkrete Entlastungen. Zahners Beispiele zeigen, wie sich Korrespondenz, Protokolle, Übersetzungen und Dokumentationen schneller erstellen lassen; wie Unterrichtsmaterial, Gesprächsleitfäden und Workshop‑Konzepte entstehen; wie Bildideen für Flyer und Social‑Media‑Beiträge entstehen und wie komplexe Inhalte in einfache Sprache übertragen werden können. Hier kann KI helfen, Routine zu reduzieren und Zeit für Beziehungs‑ und Gemeinwesenarbeit zu gewinnen – immer mit der Prämisse, dass fachliche Qualität und Datenschutz gewahrt bleiben.
Zahners Unterlagen setzen Leitplanken, die in diakonischen Organisationen verbindlich werden sollten: Training von Modellen, die mit vertraulichen Daten arbeiten, ist zu deaktivieren; personenbezogene Informationen gehören nicht in Tools ohne geeignete Schutzmechanismen; provisorische Chats und klare Datenkontrollen sind zu nutzen. Wichtig ist die juristische Vorsicht: „Jeder Service hat andere Angaben“, heisst es in den Folien mit Blick auf Urheber‑ und Nutzungsrechte. Damit verweist die Referentin auf eine Compliance‑Aufgabe, die über das Projekt hinausreicht: Kirchliche Trägerschaften brauchen klare Richtlinien, Schulungen und einen verlässlichen Support, um verantwortliche KI‑Nutzung zu sichern.
Der produktive Umgang mit KI beginnt bei Haltung und Handwerk. Zahner empfiehlt ein Briefing‑Vorgehen an Sprachmodelle – präzise Rolle, Instruktion, Format und Anforderungen –, weil dies „Qualität und Konsistenz“ sichert. Ihr Appell an die Teilnehmenden: klein anfangen, Feedback geben, Tonalitäten und Zielgruppen benennen, Gegenargumente einfordern, Formate definieren. Das ist nicht nur effizient, sondern pädagogisch wertvoll: Die Fachperson bleibt am Steuer, reflektiert Quellen und trifft Entscheidungen. Externe Studien zeigen, dass sich die Nutzungsmuster erweitern – weg von rein technischen hin zu stärker persönlichen und coachenden Anwendungen. Das erklärt, warum Neugier und Skepsis in den Teams parallel wachsen – und warum es AI‑Literacy als Querschnittskompetenz braucht.
Der europäische Diakonie‑Kontext: Digitalisierung mit Augenmass
Eurodiaconia, der gesamteuropäische Diakonie‑Dachverband, verweist in einem aktuellen Report darauf, dass Digitalisierung und KI die Organisation sozialer Dienste grundlegend verändern. Chancen liegen in Zugänglichkeit, Personalisierung und Effizienz; Risiken in Bias, Zugangsungleichheiten und Unterfinanzierung passgenauer Lösungen. Ergänzend mahnt die European Association of Service providers for Persons with Disabilities (EASPD), KI im Sozialbereich menschenzentriert und barrierefrei zu gestalten – mit strengen Anforderungen an Datenschutz, Transparenz und Co‑Design. Für die schweizerische Sozialdiakonie heisst das: Technikeinsatz folgt dem Menschenbild und den professionellen Standards; KI bleibt Werkzeug im Dienst der Teilhabe.
Nach intensiven Stunden in Modul 2 ist deutlich: KI kann Schreib‑, Recherche‑ und Gestaltungsarbeit spürbar erleichtern, die interne Kollaboration verbessern und Materialien schneller verfügbar machen. Gleichzeitig verlangt sie der Diakonie neue Fähigkeiten ab – im Faktencheck, in der Moderation von Erwartungen und in der souveränen Handhabung sensibler Daten. Sinnvoll ist der Einstieg über wenige, verlässliche Werkzeuge, klare Rollen und iterative Arbeit. Die besten Ergebnisse entstehen dort, wo Teamarbeit, Ethik und Technik zusammenfinden. Zahners Leitsatz bringt es auf den Punkt: „KI ist wie E‑Bike fahren“ – wer die Unterstützung beherrscht, kommt mit weniger Kraftaufwand weiter, bleibt aber selbst die Fahrerin oder der Fahrer.
