Österreich: Hilfsorganisationen warnen vor Ausbau von Sonderschulen

13. Nov. 2025

Diakonie Österreich, Caritas Österreich und weitere Träger warnen vor neuen Sonderschulen in mehreren Bundesländern und fordern statt dessen konsequent inklusive Schulen für alle Kinder.

Mehrere grosse Hilfsorganisationen in Österreich haben vor einer Bildungspolitik gewarnt, die weiterhin auf Sonderschulen setzt. In einer gemeinsamen Aussendung kritisieren Diakonie Österreich, Caritas Österreich, die österreichische Organisation «Jugend am Werk» und die Lebenshilfe Österreich den geplanten Neubau von Sonderschulen in Oberösterreich sowie die politische Unterstützung für den Erhalt entsprechender Einrichtungen in Salzburg und der Steiermark. Der Neubau solcher Schulen sei ein Schritt zurück, nicht nach vorne. In der Erklärung heisst es: «Der Neubau segregierender Einrichtungen führt uns in die Vergangenheit, nicht in die Zukunft». Stattdessen fordern die Träger ein klares politisches Bekenntnis zu inklusiven Schulen, die allen Kindern offenstehen und gezielt Chancengleichheit fördern.

Die Organisationen erinnern daran, dass Österreich sich mit der UN-Behindertenrechtskonvention von 2008 zu einem inklusiven Bildungssystem verpflichtet hat. 17 Jahre danach sei dieses Ziel noch längst nicht erreicht, im Gegenteil: Es werde eine rückwärtsgewandte Bildungspolitik erlebt, die die Bedeutung der Inklusion verkenne, wird Diakonie-Direktorin Maria Katharina Moser zusammenfassend wiedergegeben. Sonderschulen würden Kinder aussondern und zu Benachteiligungen führen. In der Aussendung heisst es dazu: «Sonderschulen trennen Kinder, diskriminieren sie und verwehren ihnen ihr Recht auf gleichberechtigte Bildung», Sonderschulen seien insgesamt ein «Rückschritt».

Um den Forderungen nach gut gemachter Inklusion Nachdruck zu verleihen, skizzieren die Hilfswerke konkrete Schritte. Benötigt würden mehr Ressourcen für Schulen, intensive Aufklärungsarbeit mit Eltern, der gezielte Ausbau gemeinsamer Lernorte sowie eine transparente Datenerhebung zu Bildungsverläufen in unterschiedlichen Schulsystemen. Das gemeinsame Ziel formuliert Caritas-Präsidentin Nora Tödtling-Musenbichler mit den Worten: «Unser Ziel ist klar: kein Nebeneinander, sondern ein Miteinander – Schritt für Schritt hin zu einem wirklich inklusiven Bildungssystem».

Die Organisation Jugend am Werk verweist darüber hinaus auf die langfristigen Folgen unterschiedlicher Schulformen. Brigitte Gottschall betont, in inklusiven Schulen hätten Kinder nachweislich bessere Chancen in Schule, Ausbildung und Beruf: «Keine Studie belegt, dass segregierte Schulen bessere Ergebnisse liefern. Knapp die Hälfte der Sonderschulabsolventen ist anderthalb Jahre nach Abschluss weder in Ausbildung noch am Arbeitsmarkt». Die Träger sehen darin einen deutlichen Hinweis darauf, dass getrennte Systeme nicht zu besseren Perspektiven führen.

Positiv bewerten die vier Organisationen, dass die österreichische Bundesregierung plant, einen Rechtsanspruch auf ein 11. und 12. Schuljahr für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf einzuführen. Bislang war es für Kinder mit erhöhtem Förderbedarf häufig nicht vorgesehen, eine Oberstufe zu besuchen. Entscheidend sei aus Sicht der Lebenshilfe Österreich jedoch, dass dieser Ausbau nicht zu neuen Formen von Sonderschulen führe, sondern konsequent inklusiv ausgestaltet werde. Generalsekretär Philippe Narval warnt in diesem Zusammenhang: «Entscheidend ist jedoch, dass auch die Oberstufe inklusiv gestaltet wird – und keine neuen Sonderstrukturen entstehen». Die Trägerorganisationen verbinden damit die Erwartung, dass Österreich seinen Verpflichtungen aus der UN-Behindertenrechtskonvention nachkommt und den Weg hin zu einem inklusiven Bildungssystem konsequent weitergeht.