Saatgut für die Zukunft – Warum Vielfalt über Ernährungssicherheit entscheidet

Saatgut für die Zukunft – Warum Vielfalt über Ernährungssicherheit entscheidet

Ein Samenkorn passt zwischen zwei Fingerkuppen. Und doch hängt an ihm mehr, als wir im Alltag wahrnehmen: die nächste Ernte, das Einkommen einer Familie, die Vielfalt auf dem Teller – und in zunehmendem Mass die Fähigkeit ganzer Regionen, mit Dürre, Starkregen oder neuen Schädlingen umzugehen. Saatgut ist deshalb nicht nur ein landwirtschaftliches Betriebsmittel. Es ist eine Lebensgrundlage – und damit auch eine Frage von Gerechtigkeit.

Genau hier setzt die Ökumenische Kampagne 2026 an, getragen von HEKS, Fastenaktion und Partner sein. Unter dem Motto «Zukunft säen» rückt sie das Recht von Bäuerinnen und Bauern auf lokales Saatgut ins Zentrum: Saatgut aus der eigenen Ernte zu bewahren, zu tauschen, weiter zu entwickeln – und dort, wo es zum Überleben gehört, auch verkaufen zu dürfen. Das klingt nach Selbstverständlichkeit. In vielen Ländern ist es das längst nicht mehr. Wo Regeln, Märkte und Patente bestimmen, welches Saatgut zirkulieren darf, wird aus einem jahrhundertealten Wissen eine Grauzone – und aus Selbstversorgung ein Risiko.

Für ein elektronisches Magazin der Diakonie Schweiz ist das Thema doppelt relevant: Es verbindet die grosse Weltlage – Hunger, Klima, Konflikte – mit etwas sehr Konkretem. Wer über Armut und Ernährung spricht, spricht immer auch über Macht: über Zugänge, Abhängigkeiten und Spielräume. Saatgut zeigt diese Machtverhältnisse wie unter einem Brennglas.

Hunger: weniger Schlagzeilen, mehr Menschen

Hunger ist keine Randnotiz. Er ist, nüchtern gemessen, eine der grossen Kontinuitäten unserer Gegenwart. Die internationalen Zahlen schwanken je nach Messmethode und Datenlage, doch die Botschaft bleibt: Die Welt ist weit davon entfernt, das Ziel «Zero Hunger» zu erreichen. Für 2023 schätzten die Vereinten Nationen die Zahl der Hungernden auf rund 733 Millionen Menschen. 2024 ging dieser Wert gemäss dem Folgebericht leicht zurück auf rund 673 Millionen. Diese Bewegung ist politisch wichtig, weil sie zeigt: Verbesserungen sind möglich. Gleichzeitig bleibt das Niveau weit über dem Stand vor den jüngsten Krisenjahren.

Der Blick zurück macht die Richtung sichtbar. Zwischen 2005 und 2015 sank der Anteil der unterernährten Menschen weltweit deutlich. In den Zeitreihen der FAO fiel die Prävalenz der Unterernährung global von rund 14,5 Prozent (2005) auf etwa 10,6 Prozent (2015) und blieb bis 2018 nahe bei 10,8 Prozent. In den Jahren danach setzte eine Stagnation ein, in einzelnen Regionen sogar ein Wiederanstieg. In der globalen Statistik tritt das als «verlorene Zeit» in Erscheinung: Die Fortschritte der 2000er-Jahre wurden ab Mitte der 2010er-Jahre langsamer, und die Schocks der 2020er-Jahre haben die Welt erneut zurückgeworfen. In den jüngsten Auswertungen wird diese Rückkehr der Krisendynamik auch so beschrieben, dass die Welt beim Hungerstand um viele Jahre zurückgeworfen wurde – ungefähr auf ein Niveau, das an die späten 2000er-Jahre erinnert.

Auch die Frage, ob Menschen sich gesund ernähren können, ist eng mit Hunger verknüpft. Die SOFI-Berichte zeigen, wie gross die Kluft zwischen «genug Kalorien» und «gesunder Ernährung» ist: Noch 2022 konnten laut den Vereinten Nationen über 2,8 Milliarden Menschen sich eine gesunde Ernährung nicht leisten. Mit anderen Worten: Selbst wenn Märkte funktionieren, sind Millionen Haushalte aus dem Markt ausgeschlossen. Wer in einer solchen Lage lebt, braucht möglichst viele Risikopuffer. Saatgutvielfalt ist einer davon – weil sie es ermöglicht, Kosten zu senken, lokale Anpassung zu nutzen und Ernährung breiter abzustützen.

Gleichzeitig verschärft sich ein zweites Bild: Akuter Hunger in fragilen Ländern nimmt zu. Der Global Report on Food Crises beziffert die Zahl der Menschen, die 2024 in 53 Ländern und Territorien von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen waren, auf über 295 Millionen – so viele wie nie seit Beginn des Monitorings 2016. Akut heisst: nicht «irgendwann weniger», sondern «jetzt gefährlich», oft verbunden mit Vertreibung, Gewalt, zerstörten Lieferketten, fehlendem Wasser oder kollabierenden Gesundheitssystemen. Diese Menschen sind besonders verletzlich gegenüber jeder weiteren Störung. Wenn in einer solchen Lage Saatgut knapp wird, wenn Märkte wegen Krieg nicht funktionieren oder wenn eine Familie nach der Flucht keinen Zugang zu lokal passenden Sorten hat, wird der Weg zurück zur Selbstversorgung länger – manchmal zu lang.

Diese Entwicklungen sind entscheidend für die Einordnung des Saatgutthemas. Denn Hunger entsteht selten allein, weil «zu wenig produziert» wird. Hunger entsteht dort, wo Menschen keine Kontrolle über Ressourcen haben, wo Kaufkraft fehlt, wo Krieg Felder zerstört und Märkte zerschneidet, wo Klimaschocks Ernten ausfallen lassen – und wo die Anpassung an neue Bedingungen nicht gelingt. Saatgut ist dabei ein Hebel: klein genug, um übersehen zu werden, und gross genug, um über Stabilität oder Absturz zu entscheiden.

Die Saatgutfrage wird oft so diskutiert, als ginge es nur um Produktauswahl. In Wirklichkeit geht es um Menschen, die auf dem Land leben und eine Menge Verantwortung tragen – nicht nur für ihre Familien, sondern für ganze Regionen. Dabei ist eine verbreitete Erzählung zugleich richtig und missverständlich: dass «kleinbäuerliche Landwirtschaft die Welt ernährt». Neuere Analysen zeichnen ein differenzierteres Bild.

Die FAO verweist auf Forschung, die zeigt, dass Betriebe unter zwei Hektaren weltweit rund ein Drittel der Nahrungsmittel produzieren, obwohl sie nur einen kleinen Teil der landwirtschaftlichen Fläche bewirtschaften. Gleichzeitig produzieren Familienbetriebe insgesamt – also auch mittelgrosse und grössere – den grössten Teil der weltweiten Nahrung in Wert gerechnet. Diese Zahlen sind mehr als Statistik: Sie sagen, dass kleinste Betriebe eine enorme Produktivität pro Fläche erreichen können, dass ihre Rolle je nach Land stark variiert – und dass sie häufig mit besonders knappen Ressourcen arbeiten.

Genau hier erklärt sich, warum Saatgutrechte nicht als «Nischenthema» behandelt werden dürfen. Wer wenig Land, wenig Kapital und wenig Zugang zu Versicherung oder Krediten hat, muss klimatische und wirtschaftliche Risiken anders abfedern als ein grossbetriebliches System. Vielfalt ist dann eine Strategie: unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Reifezeiten, robuste Lokalsorten, Tauschbeziehungen im Dorf. Wird dieses System geschwächt, steigt die Abhängigkeit von externen Inputs – und damit auch die Wahrscheinlichkeit, dass eine schlechte Saison in Überschuldung oder Migration endet.

Die stille Erosion: Wenn Vielfalt verschwindet

Wer im Detailhandel vor einem Regal mit dutzenden Tomatensorten steht, könnte meinen, Vielfalt sei selbstverständlich. Doch das ist eine trügerische Perspektive. Global betrachtet hat sich die landwirtschaftliche Vielfalt im letzten Jahrhundert stark verengt. Die Welternährungsorganisation FAO schätzt, dass seit Beginn des 20. Jahrhunderts rund drei Viertel der pflanzengenetischen Vielfalt in der Landwirtschaft verloren gegangen sind – vor allem, weil lokal angepasste Sorten durch gentechnisch uniforme Hochleistungssorten verdrängt wurden. Gleichzeitig betont die FAO in neueren Überblicken, dass die genaue Quantifizierung schwierig ist: «Genetische Erosion» umfasst verschiedene Ebenen – Arten, Sorten, genetische Variationen – und wird regional unterschiedlich gemessen.

Diese Homogenisierung wird besonders sichtbar, wenn man nicht nur auf Sorten, sondern auf die Ernährung insgesamt schaut. Nach FAO-Angaben stammt ein grosser Teil des weltweiten Essens aus sehr wenigen Arten: Rund drei Viertel der Nahrung werden durch nur zwölf Pflanzen und fünf Tierarten abgedeckt. Und: Drei Getreidearten – Reis, Mais und Weizen – liefern beinahe 60 Prozent der pflanzlichen Kalorien und Proteine, die Menschen weltweit aufnehmen. Die Auswahl auf dem Feld ist damit enger, als sie in Einkaufsregalen erscheint – und sie wird noch enger, wenn man bedenkt, dass innerhalb dieser Kulturen oft wenige Sorten dominieren.

Trotz dieser Unsicherheit ist ein Kern gut belegt: Ernährungssysteme werden homogener, sowohl in der Produktion als auch im Konsum. Studien zeigen, dass nationale Ernährungsangebote über Jahrzehnte hinweg in vielen Ländern ähnlicher wurden, weil dieselben Kulturpflanzen an Bedeutung gewannen. Die Konsequenz ist bekannt: Je homogener Felder sind, desto anfälliger sind sie. Monokulturen bieten Schädlingen einen gedeckten Tisch; eine neue Krankheit trifft gleich die gesamte Fläche. Und je weniger genetisches Material verfügbar ist, desto weniger Optionen haben Züchtung, Wissenschaft – und Bauernfamilien selbst –, wenn sich die Umweltbedingungen verändern.

Hier passt die Klimaperspektive direkt in das Saatgutthema. Der Weltklimarat beschreibt die Landwirtschaft als besonders verwundbar gegenüber Dürren, Überschwemmungen und Niederschlagsvariabilität. Für zentrale Kulturen wurden bereits messbare Ertragseinbussen im Zusammenhang mit klimatischen Veränderungen berichtet. Dazu kommt, dass Extremereignisse nicht nur Ernteerträge reduzieren, sondern ganze Erholungsketten zerreissen können: Saatgutvorräte gehen bei Fluten verloren, Lager werden zerstört, Tierbestände sterben, Menschen werden vertrieben.

Auch die FAO verweist in ihrer Schadenbilanz darauf, dass Dürren ein besonders grosser Treiber von Produktionsverlusten in Landwirtschaftssystemen mit niedrigen Einkommen sind. Das heisst: Gerade dort, wo staatliche Sicherheitsnetze schwach sind, wirken Klimaschocks am stärksten – und gerade dort entscheiden robuste, lokal passende Sorten oft über das Überleben einer Saison.

Das ergibt eine ziemlich nüchterne Formel: Klimarisiko plus Homogenität gleich Verwundbarkeit. Diversität ist die Gegenbewegung. Sie ist nicht Romantik, sondern Risikomanagement. Eine breite Palette an Sorten – und nicht nur an Arten – erhöht die Chance, dass unter neuen Bedingungen wenigstens ein Teil der Ernte gelingt. Vielfalt stabilisiert Erträge, reduziert in vielen Fällen den Bedarf an externen Inputs und kann Ernährungsqualität verbessern, weil mehr als nur «Kalorienpflanzen» angebaut werden. Fachliteratur zur «crop genetic erosion» mahnt allerdings zur Präzision: Nicht überall nimmt Diversität gleich stark ab. In manchen Regionen werden alte Sorten gezielt erhalten oder neue Vielfalt entsteht. Doch die Tendenz zu mehr Homogenität in Feldern, Märkten und Ernährungssystemen ist gut dokumentiert – und sie macht verletzlicher.

Markt, Recht, Macht: Wem gehört das Saatgut?

Dass Saatgut im Zentrum globaler Auseinandersetzungen steht, hat auch mit Konzentration zu tun. Seit den 1990er-Jahren, nochmals beschleunigt durch grosse Fusionen ab 2015, hat sich die Saatgutbranche zu einem Markt entwickelt, in dem wenige Konzerne einen grossen Teil der proprietären – also rechtlich geschützten – Saatgutverkäufe kontrollieren. Fachleute wie der US- Agrarsoziologe Phil Howard beziffern den Anteil der vier grössten Gruppen an globalen proprietären Saatgutverkäufen auf über 60 Prozent; andere Auswertungen kommen je nach Abgrenzung des Marktes auf etwas tiefere Werte, zeigen aber denselben Trend: Je weniger Anbieter, desto grösser die Abhängigkeit.

Solche Konzentration ist nicht nur ein wirtschaftliches Detail. Sie beeinflusst, welche Sorten überhaupt entwickelt, vermarktet und in Programmen der Entwicklungszusammenarbeit verbreitet werden. Sie prägt, welche Kulturen als «profitabel» gelten, und welche vernachlässigt werden. Und sie beeinflusst, wie stark Lobbying und Rechtsetzung in einem Land wirken, das sich Öffnung für Investitionen erhofft.

In Europa sind Pflanzensorten über das System des Sortenschutzes (Pflanzenzüchterrechte) geschützt. Rechtlich ist das ein eigenes Instrument, das sich von Patenten unterscheidet, in der Praxis aber denselben Kern berührt: Wer neue Sorten entwickelt, erhält exklusive Rechte, um Investitionen zu amortisieren. Die Schutzdauer beträgt für die meisten Arten 25 Jahre, für bestimmte Kulturen wie Reben oder Bäume länger. Dieses Schutzsystem ist auf einen regulierten Markt zugeschnitten, in dem Züchtungsbetriebe Prüfungen bezahlen, Sorten registrieren, Saatgut zertifizieren lassen und Vertriebskanäle aufbauen.

Entwicklungspolitisch stellt sich die Frage, was passiert, wenn solche Regeln, die in einem hoch regulierten und subventionierten Agrarsystem entstanden, auf kleinbäuerliche Realitäten im Globalen Süden übertragen werden. Denn dort ist Saatgut oft nicht primär Ware, sondern Bestandteil eines Gemeinguts. Es wird geteilt, angepasst, selektiert – und damit ständig weiterentwickelt. Wer diese Praxis einschränkt, beschneidet nicht nur eine Tradition, sondern eine Anpassungsstrategie.

Parallel dazu existieren Patente – je nach Land auf Pflanzen, Pflanzenteile oder bestimmte Merkmale. Das internationale Handelssystem verlangt, dass Pflanzensorten in irgendeiner Form geschützt werden: entweder durch Patente, durch ein «sui generis»-System oder durch eine Kombination. Dieses Prinzip steht in Spannung zu einem anderen international anerkannten Grundsatz, oft unter dem Begriff «Farmers’ Rights» diskutiert: dem Recht, Saatgut aus der eigenen Ernte zu nutzen, zu tauschen und – soweit nationale Gesetze es zulassen – auch zu verkaufen. Auf dem Papier können diese Prinzipien nebeneinander bestehen. In der Praxis geraten sie häufig in Konflikt, besonders dort, wo Bäuerinnen und Bauern nicht bloss Nutzerinnen und Nutzer sind, sondern selbst züchten, selektieren und lokal anpassen.

Hier liegt eine zentrale Einschätzung zur Lage der Dinge: Die Debatte hat sich verschoben. Vor zehn Jahren ging es in Europa öffentlich vor allem um klassische Gentechnik. Heute wird das Bild komplexer: Neue genomische Techniken – etwa zielgerichtete Genom-Editierung – versprechen Sorten, die schneller an Klima- und Krankheitsdruck angepasst werden können, etwa mit weniger Pflanzenschutzmitteln oder robusteren Erträgen. Gleichzeitig wird die Frage nach Patenten und Marktmacht schärfer, weil sich Innovation und Eigentum noch enger verschlingen könnten.

In der Europäischen Union wird seit 2023 über eine neue Regulierung für solche Techniken verhandelt; Ende 2025 wurde eine politische Einigung angekündigt. Sie sieht vereinfachte Verfahren für bestimmte Kategorien vor, gleichzeitig bleibt die Kennzeichnung von Saatgut ein Streitpunkt. Und die Patentfrage ist so heiss, dass sie in der EU-Regelung ausdrücklich mit einem Expertengremium und einer Folgestudie adressiert werden soll. Auch in der Schweiz ist die Regulierung in Bewegung: Das Moratorium für den kommerziellen Anbau gentechnisch veränderter Organismen wurde 2025 bis Ende 2030 verlängert. Die zuständigen Stellen begründen dies unter anderem damit, dass Zeit für eine neue, risikobasierte Regelung zu Pflanzen aus neuen Züchtungstechnologien benötigt wird – und dass Entwicklungen in der EU dabei mitzudenken sind.

Aus diakonischer Perspektive geht es dabei nicht um Technikgläubigkeit oder Technikangst. Es geht um die Bedingungen, unter denen Technik wirkt: Wer entscheidet? Wer profitiert? Wer trägt das Risiko? Und wer bleibt bei einer Krise mit leeren Händen zurück?

Saatgut als soziale Infrastruktur: Was lokale Systeme leisten

Wenn man Saatgut als Ware betrachtet, endet die Diskussion schnell bei Marktanteilen und Gesetzen. Wenn man Saatgut als soziale Infrastruktur versteht, beginnt sie erst. Denn Saatgut lebt nicht nur in Genbanken, sondern in Händen, Dörfern, Märkten und Ritualen. Es wird ausgewählt, getrocknet, gelagert, getauscht, verschenkt. Dieses «unsichtbare Netzwerk» ist in vielen Regionen der entscheidende Grund, warum Menschen nach einem Extremereignis überhaupt wieder anbauen können.

Forschung zu Community Seed Banks – also gemeinschaftlich getragenen Saatgutbanken – zeigt, dass solche Initiativen nicht nur Vielfalt sichern, sondern auch Beziehungen: Sie fördern Tausch, Wissenstransfer und gemeinsam organisierte Regeln. In einer Fallstudie aus Guatemala wird beschrieben, wie Saatgutbanken den Zugang zu neuen und traditionellen Sorten verbesserten und so die Resilienz von Gemeinschaften stärkten. Gleichzeitig zeigen solche Studien auch Grenzen: Migration, soziale Spannungen oder fehlende staatliche Unterstützung können lokale Systeme schwächen. Gerade deshalb ist es zentral, Saatgutsysteme nicht als «Nischenprojekt» zu behandeln, sondern als Teil einer grundlegenden Infrastruktur – ähnlich wie Wasserzugang oder Gesundheitsversorgung.

Hier wird auch verständlich, warum viele Organisationen in der Entwicklungszusammenarbeit den Begriff «Seed Sovereignty» verwenden: Saatgut soll in gemeinschaftlicher Verfügung bleiben, nicht ausschliesslich in kommerzieller. Ein Beispiel dafür sind Programme, in denen Haushalte kleine Saatgutbibliotheken führen – nicht im Sinn einer musealen Sammlung, sondern als lebendiges Archiv für die nächste Saison. Eine Partnerorganisation von Fastenaktion, Global Seed Savers auf den Philippinen, beschreibt in ihrem Jahresbericht, wie sie Saatgut-Schutzräume, Schulungen und Saatgutbibliotheken aufbaut und Bauernfamilien so unabhängiger vom jährlichen Zukauf macht.

Gleichzeitig braucht es die «grosse Versicherung» für den Fall, dass lokale Systeme zerstört werden. Dafür stehen Genbanken – und in der öffentlichen Wahrnehmung besonders der Svalbard Global Seed Vault. Dort, tief im Permafrost, werden seit 2008 Sicherheitskopien aus Genbanken der ganzen Welt gelagert. Anfang 2026 lagen dort nach Angaben der Betreiber über 1,38 Millionen Proben. Solche Genbanken sind wichtig; sie sind eine Art globale Rückversicherung, auch für den Fall, dass Krieg oder Katastrophen Sammlungen zerstören. Die syrische Erfahrung, bei der Saatgut aus internationalen Sammlungen neu aufgebaut werden musste, zeigt, wie real dieser Nutzen ist.

Aber auch eine Rückversicherung ersetzt nicht den Alltag. Saatgut muss nicht nur konserviert, sondern genutzt, vermehrt und an Böden sowie Kultur angepasst werden. Das gelingt dann am besten, wenn Bäuerinnen und Bauern nicht bloss Empfängerinnen und Empfänger von «Paketen» sind, sondern Akteurinnen und Akteure, die mitentscheiden, experimentieren und Wissen weitergeben. Moderne Züchtung und lokales Wissen sind dabei keine Gegensätze – sie können sich ergänzen, wenn Regeln Zugang statt Ausschluss fördern.

In diesem Sinne sind Projekte, wie sie die Ökumenische Kampagne beschreibt, mehr als technische Hilfen. Wenn lokale Saatgutsysteme geschützt und agrarökologische Methoden gestärkt werden, entsteht Handlungsmacht. Und genau diese Handlungsmacht entscheidet darüber, ob ein Klimaschock eine Hungerkrise auslöst oder «nur» eine harte Saison wird.

Was jetzt zählt: eine realistische, hoffnungsfähige Bilanz

Wer die Lage der Dinge einschätzt, kommt zu einem gemischten Bild. Es gibt Anlass zur Hoffnung – und Gründe zur Dringlichkeit.

Hoffnung macht, dass Hunger nicht zwangsläufig wachsen muss: Die jüngsten globalen Daten deuten darauf hin, dass sich die Lage 2024 weltweit leicht verbessert hat. Hoffnung macht auch, dass das Saatgutthema heute politisch sichtbarer ist als noch vor wenigen Jahren. Fragen nach Patenten, Transparenz und Zugang gelangen in Parlamente, in internationale Foren und – nicht zuletzt durch kirchliche Kampagnen – in die Öffentlichkeit. Und Hoffnung macht, dass die wissenschaftliche Debatte reicher geworden ist: Vielfalt gilt nicht mehr als «Rückschritt», sondern als zentrale Bedingung für Resilienz. Wer eine Landwirtschaft will, die in einem wärmeren, unsichereren Klima bestehen kann, kommt an Diversität kaum vorbei.

Dringlichkeit entsteht, weil gegensätzliche Trends gleichzeitig laufen. Der erste Trend ist die allmähliche Entspannung in Teilen der Welt, getragen von Sozialprogrammen, regionalen Erfolgen und – vielerorts – guter agrarpolitischer Arbeit. Der zweite Trend ist die Zuspitzung in Krisenregionen: Akuter Hunger, Vertreibung und Konfliktfolgen nehmen zu, und klimatische Extremereignisse treffen auf ohnehin fragile Systeme. Der Weltwetterdienst verweist in seinem Klima-Rückblick darauf, dass Klimaschocks und hohe Lebensmittelpreise 2024 in zahlreichen Ländern Nahrungsmittelkrisen verschärften. Wer in einer solchen Lage auch noch Saatgut verliert, verliert mehr als einen Produktionsfaktor: Er verliert die Fähigkeit, morgen wieder neu anzufangen.

Eine ehrliche Bilanz muss deshalb beides sagen: Saatgutvielfalt allein beendet Hunger nicht. Aber ohne Saatgutvielfalt wird Hunger schwerer zu überwinden. Denn Vielfalt wirkt an mehreren Stellen zugleich: Sie stabilisiert Produktion, sie stärkt Ernährung, sie reduziert Abhängigkeiten, und sie schafft Optionen, wenn sich das Klima verändert. Das ist der Grund, weshalb der Kampf um Saatgut immer auch ein Kampf um Rechte ist.

Diakonisches Handeln ist hier nicht das «Add-on» zu globaler Politik, sondern Teil der Antwort. Es setzt dort an, wo Rechte praktisch werden: beim Zugang zu Land, Wasser, Wissen und eben Saatgut. Es unterstützt Menschen dabei, ihre Ernährung nicht nur zu sichern, sondern selbst zu bestimmen. Und es erinnert die Schweiz daran, dass unsere Regeln, unsere Märkte und unsere politischen Entscheide – von Patentrecht bis zu Importstandards – mitentscheiden, welche Spielräume anderswo offen bleiben. Vielleicht ist das die eigentliche Pointe der Saatgutfrage: Sie ist klein genug, um in jede Hand zu passen. Aber sie ist zu gross, um sie allein dem Markt zu überlassen.