Sorgearbeit als Grundlage der Gesellschaft: UN Women fordert Umdenken

2. Juli 2026

Der gesamteuropäische Einsatz für Gleichstellung beginnt bei der Sorgearbeit: UN Women fordert mehr Anerkennung, Investitionen und eine gerechtere Verteilung von Care-Arbeit.

Sorgearbeit ist eine unverzichtbare Grundlage für das Funktionieren von Gesellschaft und Wirtschaft, wird jedoch noch immer unzureichend anerkannt und überwiegend von Frauen geleistet. Darauf macht UN Women in einem aktuellen Hintergrundbeitrag aufmerksam. Die internationale Organisation fordert, Sorgearbeit nicht länger als private Aufgabe oder vorwiegend weibliche Verantwortung zu betrachten, sondern als öffentliches Gut und als Menschenrecht.

Jeder Mensch sei im Laufe seines Lebens auf Fürsorge angewiesen und übernehme selbst Sorgearbeit, heisst es in der Veröffentlichung. Ob Kinder betreut, ältere Angehörige unterstützt, Mahlzeiten zubereitet, Wäsche gewaschen oder zahlreiche organisatorische Aufgaben des Alltags erledigt würden – all diese Tätigkeiten hielten das gesellschaftliche Leben aufrecht. «Jeder Mensch braucht Fürsorge, gibt Fürsorge und empfängt Fürsorge», so die Mitteilung. Gleichzeitig weist UN Women darauf hin, dass diese Arbeiten häufig unsichtbar blieben und vielfach mit einer erheblichen mentalen Belastung verbunden seien.

Besonders Frauen seien von der ungleichen Verteilung betroffen. Weltweit verwendeten Frauen zweieinhalbmal so viel Zeit für unbezahlte Sorgearbeit wie Männer. Gleichzeitig arbeiteten sie überdurchschnittlich häufig in bezahlten Sorgeberufen wie der Pflege, der Kinderbetreuung, der Hauswirtschaft oder im Bildungsbereich. Diese Tätigkeiten seien jedoch vielfach informell organisiert, schlecht entlöhnt und böten oft keinen ausreichenden sozialen Schutz, etwa bei der Gesundheitsversorgung oder beim Anspruch auf bezahlten Urlaub, so die Mitteilung.

Die Folgen reichten weit über den privaten Bereich hinaus. Rund 45 Prozent der Frauen im erwerbsfähigen Alter nähmen aufgrund unbezahlter Sorgearbeit nicht am Arbeitsmarkt teil. Bei Männern liege dieser Anteil lediglich bei fünf Prozent. Nach Einschätzung von UN Women schränke die heutige Organisation von Sorgearbeit die Möglichkeiten vieler Frauen ein, eine Ausbildung zu absolvieren, einer existenzsichernden Erwerbstätigkeit nachzugehen, sich gesellschaftlich zu engagieren oder ausreichend Zeit zur Erholung zu finden.

Zugleich verweist die Organisation auf die wirtschaftliche Bedeutung dieser oftmals unbezahlten Tätigkeiten. Würde unbezahlte Sorgearbeit volkswirtschaftlich erfasst, entspräche ihr Wert in manchen Ländern mehr als 40 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Dennoch bleibe sie weitgehend unsichtbar und werde wirtschaftlich wie gesellschaftlich unterschätzt.

UN Women wirbt deshalb für einen grundlegenden Wandel im Umgang mit Sorgearbeit. Erforderlich seien Investitionen in leistungsfähige Betreuungs- und Pflegesysteme, eine gerechtere Verteilung der Verantwortung zwischen Frauen und Männern sowie zwischen Familien, Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Ebenso brauche es faire Löhne, soziale Absicherung und gute Arbeitsbedingungen für Beschäftigte in Sorgeberufen sowie eine stärkere Beteiligung von Sorgearbeitenden an politischen Entscheidungen. Sorgearbeit müsse als qualifizierte Arbeit anerkannt werden und dürfe «nicht als Gefälligkeit oder als Aufgabe der Frauen, sondern als öffentliches Gut und Menschenrecht» verstanden werden, so die Mitteilung.

Nach Einschätzung von UN Women ist der Abbau der bestehenden Versorgungslücken eine wesentliche Voraussetzung für die Gleichstellung der Geschlechter. Gleichzeitig stärkten Investitionen in Care-Systeme nicht nur die soziale Infrastruktur, sondern auch die Wirtschaft und die Widerstandsfähigkeit von Gesellschaften. Die Organisation ruft deshalb dazu auf, Sorgearbeit neu zu denken und ihr einen deutlich höheren Stellenwert in Politik und Gesellschaft einzuräumen.