Synodale Arbeitstagung der Evangelisch-reformierten Kirche Graubünden: Seelsorge im Spannungsfeld des assistierten Suizids

29. Jan. 2026

Die Bündner Pfarrpersonen haben sich an ihrer synodalen Arbeitstagung in Chur intensiv mit dem assistierten Suizid und seinen Folgen für Seelsorge, Kirche und Gesellschaft auseinandergesetzt.

Der assistierte Suizid stellt die Seelsorge vor grosse ethische, pastorale und gesellschaftliche Herausforderungen. An der synodalen Arbeitstagung der Evangelisch-reformierten Kirche Graubünden in Chur setzten sich die Bündner Pfarrerinnen und Pfarrer vertieft mit diesem Thema auseinander. Im Zentrum stand ein Referat von Markus Zimmermann, Professor für Theologie und Mitglied der Nationale Ethikkommission, der den assistierten Suizid aus theologischer und ethischer Perspektive beleuchtete.

Zimmermann stellte fest, dass jährlich mehr als 5000 Menschen in der Schweiz die Angebote von Sterbehilfeorganisationen in Anspruch nehmen. Dabei handle es sich überwiegend um schwer kranke Menschen im Durchschnittsalter von 75 Jahren, mehrheitlich Frauen. Darunter seien auch Personen, die dem Leiden, dem Verlust der Selbstständigkeit oder einer drohenden Abhängigkeit zuvorkommen wollten. Die gesellschaftliche Akzeptanz des assistierten Suizids habe in den vergangenen Jahren zugenommen, so Zimmermann, kritische Stimmen seien seltener geworden.

Gleichzeitig hätten die öffentlichen Debatten an Intensität gewonnen. Diskutiert würden unter anderem neue technische Entwicklungen wie die Sterbekapsel SARCO, der Zugang zu Suizidhilfe in Alters- und Pflegeheimen, die Verbindung von assistiertem Suizid und Organspende oder die Frage, ob auch inhaftierte Personen ein solches Angebot in Anspruch nehmen dürften. Zimmermann beschrieb einen grundlegenden Wandel im Verständnis des Sterbens: Während Suizidhilfe früher tabuisiert gewesen sei, werde sie heute teilweise als Ausdruck von Selbstoptimierung und selbstbestimmter Lebensplanung verstanden.

Der Theologe warnte jedoch davor, die Tragik eines Suizids zu relativieren. Angesichts von Verzweiflung und Ausweglosigkeit entziehe sich ein Suizid jeder moralischen Bewertung. Zugleich stellte Zimmermann grundlegende Fragen an Gesellschaft und Kirche: „Was muss eine Gesellschaft tun, damit weniger Menschen das Angebot des assistierten Suizids nutzen müssen?“ Er verwies dabei auf die Bedeutung und die Fortschritte der Palliative Care. Zudem gelte es zu vermitteln, dass Sterben mehr sei als ein blosses Verlöschen. Nicht selten kämen sich Familien am Sterbebett wieder näher, und es komme zu Versöhnungen.