Tagung der Diakonie Schweiz beleuchtet Grenzen von Bildung bei der Armutsüberwindung

16. Sep. 2026

Eine Tagung der Diakonie Schweiz zeigte, wie soziale Herkunft und schulische Selektion Bildungschancen prägen und welche Verantwortung Kirche und Diakonie tragen.

Bildung gilt häufig als Schlüssel gegen Armut und für gesellschaftliche Teilhabe. Die Online-Tagung «Grenzen der Armutsüberwindung durch Bildung» der Diakonie Schweiz hat dieses Versprechen am 9. September 2026 kritisch geprüft. Die Referate und Workshops zeigten, wie soziale Voraussetzungen und Strukturen des Bildungssystems die Bildungschancen prägen.

Prof. em. Dr. Regula Leemann von der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz stellte Bildungsarmut ins Zentrum. Gemeint ist das Nichterreichen eines nachobligatorischen Abschlusses auf Sekundarstufe II. Im Jahr 2023 betraf dies 14 Prozent der 25- bis 64-jährigen Bevölkerung. Menschen mit höchstens obligatorischem Schulabschluss sind gemäss Präsentation seltener erwerbstätig, häufiger in der tiefsten Einkommensgruppe vertreten und stärker armutsgefährdet. Leemanns Zusammenfassung lautete: «Bildungsarmut vergrössert das Risiko für finanzielle Armut.»

Zugleich beeinflusst die soziale Herkunft, ob Kinder und Jugendliche einen solchen Abschluss erreichen. Familien verfügen in unterschiedlichem Mass über kulturelle, wirtschaftliche und soziale Ressourcen. Schulen könnten ungleiche Lernbedingungen nur teilweise ausgleichen, so Leemann. Auch das Durchsetzungsvermögen der Eltern bei Übertrittsentscheiden wirke sich aus.

Als zweite Grenze bezeichnete Leemann die frühe Selektion beim Übergang in die Sekundarstufe I. Sie lasse zu wenig Zeit, ungleiche Lernvoraussetzungen auszugleichen, und erhöhe den Selektionsdruck in der Primarschule. In gegliederten Modellen seien Fehleinteilungen kaum zu korrigieren. Unterschiedliche Lernbedingungen könnten Leistungsunterschiede vergrössern und Jugendliche im Niveau mit Grundansprüchen bei der Lehrstellensuche stigmatisieren.

Prof. Dr. Peter Streckeisen von der ZHAW Soziale Arbeit untersuchte die gesellschaftliche Bewertung von Bildung. Wenn vor allem zertifizierte Kenntnisse und Abschlüsse Anerkennung fänden, würden andere Fähigkeiten abgewertet. Bildungsförderung könne so vom Recht zur Pflicht werden. Streckeisen warnte vor Überschneidungen von Klassismus und Rassismus, etwa wenn Mehrsprachigkeit je nach Sprache unterschiedlich bewertet oder Menschen als «bildungsfern» und «fremdsprachig» bezeichnet würden. Sein sozialethischer Grundsatz lautete: «Gleiche Rechte für Alle, und zwar unabhängig von Bildung».

Die Workshops griffen die Anerkennung ausländischer Diplome, den Zugang zu Lernangeboten und Grundkompetenzen von Erwachsenen auf. Für Kirche und Diakonie wurde ein doppelter Auftrag sichtbar: Bildungszugänge weiter zu öffnen und zugleich Strukturen, Sprache und eigene Angebote daraufhin zu prüfen, ob sie Menschen unter Druck setzen oder von Teilhabe ausschliessen.