Vier Jahre nach Beginn des russischen Angriffskriegs zeichnet sich in der Ukraine ein ambivalentes Bild ab. Einerseits verschärft sich die humanitäre Lage weiter, andererseits zeigt die Bevölkerung eine bemerkenswerte Widerstandskraft. Darauf weist Caritas Schweiz in einem aktuellen Communiqué hin.
2025 sei das tödlichste Jahr für die Zivilbevölkerung seit 2022 gewesen. Insgesamt seien im vergangenen Jahr 14’656 Zivilpersonen bei russischen Angriffen verletzt oder getötet worden, 31 Prozent mehr als im Vorjahr. Besonders die anhaltenden Bombardierungen von Wohngebieten und Energie-Infrastruktur führten zu einer weiteren Zuspitzung der Notlage. Ein Ende der Kämpfe sei nicht in Sicht, vielmehr sei auch im fünften Kriegsjahr mit einer Verschärfung der Situation zu rechnen, so die Mitteilung.
Die massiven Angriffe auf die Energie-Infrastruktur beeinträchtigen das tägliche Leben gravierend. «Der Verzicht auf grundlegende Bedürfnisse prägt inzwischen den Alltag der Menschen in der Ukraine», sagt Andrea Berardi, Länderdirektor Ukraine bei Caritas Schweiz. «Stromausfälle und eisige Temperaturen gehören für Millionen Menschen zur täglichen Realität. Gleichzeitig hat die anhaltende Krise den gesellschaftlichen Zusammenhalt gestärkt und die Bevölkerung findet neue Wege, um sich an die Notsituation anzupassen.»
So organisieren sich Ukrainerinnen und Ukrainer innerhalb von Familien, Gemeinden oder lokalen Verwaltungen eigenständig, beschaffen Generatoren, teilen Holzöfen oder koordinieren Nachbarschaftshilfen. «Die Resilienz der Menschen ist längst nicht mehr nur individuell, sondern gemeinschaftlich, pragmatisch und tief im Alltag verankert», so Berardi gemäss Mitteilung.
Nach Angaben der Vereinten Nationen sind derzeit 10,8 Millionen Menschen in der Ukraine auf humanitäre Hilfe angewiesen. Zu den grössten Sorgen zählen die Kälte, fehlendes fliessendes Wasser, unzureichende Hygienemöglichkeiten sowie eingeschränkte Kommunikationswege durch wiederholte Ausfälle von Telefonnetz und Internet. Auch die Armut habe sich deutlich verschärft. Laut Weltbank verfüge mehr als ein Drittel der Bevölkerung über weniger als umgerechnet 150 Franken im Monat. Damit seien fast doppelt so viele Menschen betroffen wie noch vor der russischen Grossinvasion.
Humanitäre Organisationen stehen laut Caritas Schweiz vor einem Spagat: Einerseits gelte es, akute Not zu lindern, andererseits müssten langfristige Perspektiven geschaffen werden. «Der Ausnahmezustand ist zur traurigen Normalität geworden», sagt Andrea Berardi. Caritas Schweiz setze daher auf einen doppelten Ansatz: Neben Soforthilfe unterstütze sie besonders vulnerable Bevölkerungsgruppen beim Aufbau oder Erhalt eines eigenständigen Einkommens. Mit Förderbeiträgen könnten kleine Unternehmen ihre Tätigkeit weiterführen, ihre Produktivität steigern oder neue Arbeitsplätze schaffen.
Ein Schwerpunkt im Jahr 2026 sei zudem die Stärkung des lokalen Caritas-Netzwerks. Freiwillige und Sozialarbeitende stünden täglich im Einsatz, um insbesondere ältere Menschen und chronisch Kranke zu erreichen. «Wenn Stromausfälle in kleinen Städten und Gemeinden nahe der Front die Grundversorgung abschneiden, sind es diese Teams, die ältere Menschen und chronisch Kranke erreichen», sagt Berardi. «Sie bringen Medikamente, organisieren Heizmöglichkeiten und sorgen dafür, dass niemand vergessen geht. In Regionen, in denen die öffentliche Infrastruktur immer wieder zusammenbricht, ist dieses gemeinschaftliche Unterstützungsnetzwerk zu einer unverzichtbaren Lebensader geworden.»
Seit 2022 habe Caritas Schweiz gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen rund 145’000 Menschen in der Ukraine unterstützt, so die Mitteilung.
