Genderdaten können Leben retten – davon zeigt sich UN Women überzeugt. „Wir teilen die Daten, weil sie so wichtig sind“, sagt Juma Haji Juma, Radiomoderator bei Tumbatu FM in Sansibar. Seit 2024 sendet der lokale Sender monatliche Beiträge über geschlechtsspezifische Gewalt, unterstützt durch aktuelle Statistiken der UN-Organisation. „Wenn Nachrichten durch Daten gestützt sind, haben sie mehr Gewicht und ermutigen Menschen, die richtigen Lösungen zu suchen“, heisst es in der Mitteilung.
UN Women verfolgt mit ihrem Programm „Women Count“ seit 2016 eine Strategie, die auf umfassender Datenerhebung und -nutzung basiert. Mehr als 80 Millionen US-Dollar seien bislang in das Programm geflossen. Die Organisation betont, dass insbesondere in Bereichen wie wirtschaftlicher Stärkung von Frauen, Gewaltprävention, humanitärer Hilfe oder Umweltpolitik solide Daten oft lebensentscheidend seien. Ziel sei es, nicht nur Daten zu sammeln, sondern diese auch für konkrete Massnahmen einzusetzen – ein Ansatz, der weltweit bereits Wirkung zeige.
Ein Beispiel liefert Sansibar, Teil der Vereinigten Republik Tansania. Dort hat Tumbatu FM gemeinsam mit dem Jugendradio Kati Radio begonnen, monatlich Daten zu Gewalt gegen Frauen und Mädchen zu veröffentlichen. Amina Mohamed, Moderatorin bei Kati Radio, erklärt: „Wir gehen über das reine Teilen von Statistiken hinaus, räumen mit Fehlinformationen auf, weisen auf Hilfsangebote hin und ermutigen die Menschen zum Handeln.“ Diese Informationskampagnen trugen laut Polizei dazu bei, dass 2024 insgesamt 1’809 Fälle gemeldet wurden – ein Anstieg um 28 Prozent gegenüber 2020, als die Datensendungen noch nicht existierten. Die Daten fliessen nun in Tansanias nationalen Aktionsplan gegen Gewalt ein und dienen der gezielten Schulung von Polizei und der Einrichtung vertraulicher Anlaufstellen für Betroffene.
Auch in Kenia hat das Programm konkrete Auswirkungen gezeigt. Als im April 2024 der Mathare-Fluss in Nairobi über die Ufer trat, begann die Community Health Promoterin Isabella Nzioki sofort mit der Datenerfassung unter den Überlebenden. Dank ihrer zuvor durch UN Women und die Organisation GROOTS-Kenya vermittelten Kenntnisse konnte sie 81 Betroffene, darunter 64 Frauen, detailliert erfassen. Diese Daten halfen dem kenianischen Roten Kreuz, besonders gefährdete Gruppen wie schwangere Frauen gezielt mit Hilfsangeboten zu versorgen. „Ich war beeindruckt, wie disaggregierte Daten die Lücke zwischen Überlebenden und Hilfsorganisationen schliessen konnten“, so Nzioki gemäss Mitteilung.
Auch die Gleichstellung in der Familienarbeit wird durch Genderdaten gefördert, wie ein Beispiel aus Georgien zeigt. Dort hatte von 2021 bis 2022 kein einziger männlicher Angestellter der TBC Bank Elternzeit genommen. Nachdem jedoch Ergebnisse einer Zeitverwendungsstudie von UN Women in Trainings eingebunden wurden, änderte sich dies. Avtandil Tsereteli, Vater und Bankangestellter, nahm nach der Geburt seines Sohnes sechs Monate Vaterschaftsurlaub. „Es war eine der bedeutendsten Entscheidungen meines Lebens“, sagt er gemäss Mitteilung. Zudem arbeitet Georgiens Zivilverwaltungsbüro mit Unterstützung von UN Women an Gesetzesänderungen, die nicht übertragbare Vaterschaftsurlaube für Staatsbedienstete vorsehen.
Im Pazifikstaat Tonga führte die Gender and Environment Survey 2022 zu einschneidenden Erkenntnissen: 93 Prozent der Bevölkerung gaben an, im Vorjahr mindestens drei Naturkatastrophen erlebt zu haben. Frauen seien häufiger als Männer von psychischen Problemen, Einkommensverlusten und Nahrungsmittelknappheit betroffen gewesen. Diese Daten beeinflussen nun sowohl die nationale Agrarstrategie als auch die Finanzplanung der Regierung und fliessen in neue Gender-Trainings für Katastrophenhelferinnen und -helfer ein. „Wir sehen, was in Notlagen ausgelöst werden kann, und welche Bedürfnisse es gibt, damit wir uns besser koordinieren können“, erklärt Anna Jane Lagi vom Frauen- und Gleichstellungsbüro Tongas gemäss Mitteilung.
Das Programm „Women Count“ wird aktuell von Australien, Frankreich, Irland, Italien, Schweden sowie der Gates Foundation finanziert und soll 2026 in eine dritte Phase starten. Die Ergebnisse zeigen für UN Women eines deutlich: Daten sind nicht nur Zahlen, sondern Werkzeuge, um das Leben von Frauen und Mädchen weltweit nachhaltig zu verbessern.
