UNICEF: Kinderarmut in der Schweiz nimmt weiter zu

18. Juni 2026

Fast jedes fünfte Kind in der Schweiz ist armutsgefährdet. UNICEF fordert, die Bekämpfung von Kinderarmut zur politischen Priorität zu machen.

Die Kinderarmut in der Schweiz hat in den vergangenen zehn Jahren zugenommen. Zu diesem Schluss kommt UNICEF Schweiz und Liechtenstein in einem neuen Positionspapier zur Situation von Kindern und Familien. Demnach ist inzwischen beinahe jedes fünfte Kind armutsgefährdet, während 7,1 Prozent der Kinder in absoluter Armut leben. Die Entwicklung zeige, dass die soziale Herkunft weiterhin entscheidend für die Chancen von Kindern sei, so die Mitteilung.

Nach Angaben von UNICEF stieg die Armutsgefährdungsquote von Kindern zwischen 2014 und 2024 von 16 auf 19,7 Prozent. Damit gehöre die Schweiz zu den OECD-Ländern, in denen sich die Situation in den vergangenen Jahren besonders deutlich verschlechtert habe. Auch die absolute Kinderarmut habe im selben Zeitraum zugenommen und liege inzwischen bei 7,1 Prozent.

Zwar würden Sozialtransfers wie Familienzulagen, Prämienverbilligungen oder Sozialhilfe die Kinderarmut weiterhin deutlich reduzieren, ihre Wirkung habe jedoch nachgelassen. Während die Kinderarmutsquote 2014 durch Sozialtransfers noch um 72,5 Prozent gesenkt werden konnte, lag die Reduktion 2024 noch bei 65,7 Prozent. Trotz dieser Unterstützung blieben nach Angaben von UNICEF mehr als 70’000 Kinder in der Schweiz armutsbetroffen.

Die Situation unterscheidet sich regional deutlich. Besonders hohe Armutsgefährdungsquoten verzeichnen laut dem Positionspapier die Nordwestschweiz und die Genferseeregion. Gleichzeitig blieben Regionen wie die Zentralschweiz, die Ostschweiz, Zürich und das Mittelland unter dem nationalen Durchschnitt.

UNICEF weist zudem darauf hin, dass Kinderarmut weit über finanzielle Fragen hinausgeht. Materielle und soziale Benachteiligungen träfen insbesondere Kinder aus einkommensschwachen Familien, Einelternhaushalten sowie Familien mit drei oder mehr Kindern. Zwar sei die starke materielle Deprivation in den vergangenen Jahren leicht zurückgegangen, gleichzeitig nehme jedoch die Zahl der Kinder zu, die zumindest in einzelnen Bereichen Einschränkungen erfahren. Bei Einelternhaushalten sei inzwischen mehr als die Hälfte der Kinder von mindestens einer Form materieller oder sozialer Benachteiligung betroffen.

Als besonders problematisch beschreibt UNICEF die Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt. Fast die Hälfte der armutsgefährdeten Familien müsse mehr als 40 Prozent ihres Einkommens für Wohnkosten aufwenden. Gleichzeitig lebten 39,2 Prozent der armutsgefährdeten Kinder in überbelegten Wohnungen. Die Organisation spricht von einer wachsenden Ungleichheit zwischen armutsgefährdeten und nicht armutsgefährdeten Familien.

Vor diesem Hintergrund fordert UNICEF, Kinderarmut in der Schweiz als politische Priorität anzuerkennen. Zudem müsse die Datenlage verbessert, familienfreundliche Rahmenbedingungen gestärkt und die Unterstützung einkommensschwacher Familien ausgebaut werden. Die Bekämpfung von Kinderarmut sei notwendig, um den Verpflichtungen aus der Kinderrechtskonvention nachzukommen und allen Kindern ein Aufwachsen zu ermöglichen, bei dem Entwicklung, Gesundheit und Wohlbefinden im Mittelpunkt stehen, so die Organisation.