Die internationale Gemeinschaft tritt bei der Überwindung des Hungers auf der Stelle. Der Welthunger-Index 2025 zeichnet ein ernüchterndes Bild. Seit 2016 hat sich die globale Ernährungslage kaum verbessert – der globale WHI-Wert ging nur minimal von 19,0 auf 18,3 zurück. In 27 Ländern ist die Lage heute sogar schlechter als damals. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, wird die Welt das selbstgesteckte Ziel „Zero Hunger bis 2030“ deutlich verfehlen: Mindestens 56 Länder dürften ihr Hungerproblem bis 2030 nicht auf ein niedriges Niveau reduzieren können. Im jetzigen Tempo würde es laut Projektionen sogar über ein Jahrhundert (bis ins Jahr 2137) dauern, bis der Hunger global auf ein niedriges Ausmaß sinkt. Die Konsequenz: Das Versprechen, den Hunger in unserer Zeit zu besiegen, droht unerfüllt zu bleiben.
Strukturelle Ursachen des weltweiten Hungers
Warum ist Hunger trotz wirtschaftlichen Wachstums und aller technischen Fortschritte noch immer so weit verbreitet? Die strukturellen Ursachen des Hungers sind seit langem bekannt. An erster Stelle stehen Kriege und bewaffnete Konflikte: Immer wieder zerstören sie Ernten, vertreiben Menschen und lassen ganze Regionen in Hungersnöten versinken. Allein im letzten Jahr haben Konflikte 20 akute Hungerkrisen ausgelöst und fast 140 Millionen Menschen in Not gestürzt. Ein zweiter Faktor ist die Klimakrise. Dürre, Überschwemmungen und Wetterextreme nehmen an Häufigkeit und Intensität zu und treffen vor allem die ärmsten Länder, in denen viele Menschen von der Landwirtschaft leben. Wiederkehrende Ernteausfälle verschärfen die Nahrungsknappheit und unterminieren die ohnehin fragilen lokalen Ernährungssysteme. Als drittes kommen wirtschaftliche Instabilität und Ungleichheit hinzu. Hohe Staatsverschuldung, Handelskrisen und Inflation – zuletzt befeuert durch die COVID-19-Pandemie und den Krieg in der Ukraine – haben in vielen Ländern die Preise für Grundnahrungsmittel in die Höhe getrieben. Für einkommensschwache Familien wird der tägliche Teller Essen so zum Luxusgut. Nicht zuletzt fehlt es oft am politischen Willen. In zahlreichen Ländern – und auch auf Seiten der Geberstaaten – sind Ernährungssicherung und ländliche Entwicklung nicht ausreichend priorisiert. So werden beispielsweise die Mittel für humanitäre Ernährungshilfe gekürzt, während gleichzeitig die Militärausgaben steigen. Diese Schieflage der Prioritäten raubt Initiativen gegen den Hunger die nötigen Ressourcen. Fachleute sprechen von einer „Polykrise“, in der Konflikte, Klimafolgen, wirtschaftliche Schocks und politische Tatenlosigkeit zusammenwirken und sich gegenseitig verstärken.
Diese strukturellen Ursachen haben sich über die letzten Jahrzehnte teils verschoben. Bis etwa 2015 war im globalen Durchschnitt ein deutlicher Rückgang des Hungers zu verzeichnen – begünstigt durch relative Stabilität, Armutsbekämpfung und internationale Entwicklungsanstrengungen. Weite Teile Asiens und Lateinamerikas erzielten Fortschritte, da weniger Menschen in extremer Armut lebten und gezielte Programme erste Früchte trugen. Seit 2016 jedoch stagniert die Entwicklung. Konflikte wie in Syrien, dem Jemen, dem Sudan oder neuerdings in der Ukraine ließen die Zahl der Hungernden wieder steigen. Zugleich spüren immer mehr Gemeinschaften die Auswirkungen der Klimaveränderung. Der Welthunger-Index 2025 stellt fest, dass genau jene strukturellen Probleme – Krieg, Klimawandel, soziale Ungleichheit – heutzutage den Kampf gegen den Hunger dominieren. In Afrika südlich der Sahara und in Südasien, den Regionen mit den höchsten Hungerwerten, überschneiden sich diese Faktoren in besonders verheerender Weise. So erklären sich regionale Rückschläge trotz globaler Nahrungsmittelüberschüsse. Hunger ist kein unvermeidliches Naturphänomen, sondern das Ergebnis menschengemachter Krisen und Versäumnisse – eine Tatsache, die Regierungen ungern eingestehen. Statt entschlossen gegenzusteuern, flüchten sich einige Entscheidungsträger sogar in Ablenkungsmanöver: Sie leugnen den Klimawandel, schieben die Verantwortung auf andere Nationen ab oder attackieren jene, die humanitäre Hilfe leisten. All dies lindert keinen Hunger – es verschleppt nur die Lösungsfindung.
Bewährte Ansätze im Kampf gegen den Hunger
Dabei ist die bittere Ironie: Es mangelt nicht an Wissen über Lösungen, sondern vor allem an deren Umsetzung. Erfolgreiche Rezepte gegen Hunger liegen auf dem Tisch – erprobt und wissenschaftlich belegt. Der Welthunger-Index 2025 unterstreicht, dass es weltweit zahlreiche Beispiele des Fortschritts gibt, wo politische Entschlossenheit den Hunger spürbar zurückgedrängt hat. Bis 2016 gelang es allen Weltregionen, ihre Hungerwerte zum Teil deutlich zu senken. Lateinamerika und Südostasien etwa verzeichneten grosse Verbesserungen. In vielen Ländern dieser Regionen wurden nationale Ernährungsprogramme gestartet, das Gesundheitswesen ausgebaut und die Ausbildungschancen für Jugendliche verbessert – Massnahmen, die langfristig die Ernährungssicherheit erhöhen. Einige Staaten führten Landreformen durch, um Kleinbäuerinnen und -bauern Zugang zu eigenem Land zu ermöglichen, und verankerten das Recht auf Nahrung in ihrer Verfassung. Solche Schritte tragen Früchte: Wo Menschen Land besitzen, Bildung geniessen und medizinisch versorgt sind, geht Hunger deutlich zurück.
Konkrete Länderbeispiele untermauern diesen Befund. Bangladesch zum Beispiel hat seinen Hunger-Index seit 2000 drastisch verringert. Das Land investierte in die ländliche Entwicklung, stärkte die Rolle der Frauen und baute lokale Gesundheitsdienste aus – mit dem Ergebnis, dass Kindersterblichkeit und Unterernährung stark sanken. Nepal konnte durch Gemeindegesundheitsprogramme, Sanitärversorgung und bessere Bildung die chronische Unterernährung bei Kindern deutlich reduzieren. In Angola, Sierra Leone und Äthiopien, drei Ländern, die schwere Bürgerkriege erlebt hatten, verbesserten sich die Hungerwerte nach dem Ende der Konflikte erheblich, weil Frieden die Grundlage schuf, um Landwirtschaft und Märkte wieder aufzubauen. Diese Beispiele zeigen: Gezielte politische Massnahmen und langfristige Investitionen können den Hunger wirksam zurückdrängen – selbst in armen Ländern und trotz widriger Umstände. Wichtig ist dabei, dass die Erfolge nachhaltig abgesichert werden. Die positiven Trends bleiben fragil, solange Dürren, Preisschocks oder politische Krisen sie wieder umkehren können. Daher betonen Expertinnen und Experten die Notwendigkeit widerstandsfähiger Ernährungssysteme: Angepasste Anbaumethoden, lokale Frühwarnsysteme vor Ernährungsengpässen, soziale Sicherungsnetze für Krisenzeiten und der Aufbau klimaresilienter Landwirtschaft gehören zu den Bausteinen, um erreichte Fortschritte zu bewahren.
Interessanterweise hat in den vergangenen 20 Jahren auch ein Umdenken in der Entwicklungspolitik stattgefunden. Frühere Strategien setzten stark auf marktwirtschaftliche Liberalisierung und die Steigerung der Nahrungsmittelproduktion. Man ging davon aus, dass ein wachsendes Bruttosozialprodukt und technische Ertragssteigerungen den Hunger automatisch reduzieren würden. Spätere Empfehlungen verlagerten den Fokus jedoch auf Menschenrechte, Gleichstellung der Geschlechter, Konfliktsensibilität und Teilhabemöglichkeiten für lokale Gemeinschaften. Heute weiss man, dass Hunger ein vielschichtiges Problem ist, das sektorübergreifende Lösungen erfordert. Im aktuellen Diskurs stehen vernetzte Ansätze im Vordergrund – von der Landwirtschaft über Bildung und Gesundheit bis hin zur Wasserversorgung müssen alle Bereiche ineinandergreifen, um die strukturellen Ursachen von Hunger zu beseitigen. Ebenso wird betont, wie wichtig gute Regierungsführung und rechtliche Rahmenbedingungen sind: Gesetze, die das Recht auf Nahrung garantieren, nationale Aktionspläne gegen Unterernährung und transparente Rechenschaftspflichten können Regierungen zum Handeln drängen. Mit anderen Worten: „Hunger ist kein Schicksal, sondern das Resultat fehlenden politischen Willens“, wie es eine Expertin bei der Vorstellung des WHI 2025 formulierte. Wo Staats- und Regierungschefs den Kampf gegen Hunger zur Chefsache machen und Taten folgen lassen, stellen sich Erfolge ein. Wo hingegen „nur geredet, aber nicht gehandelt“ wird, bleiben Fortschritte aus.
Die zentrale Herausforderung besteht also darin, bekannte Lösungen konsequent umzusetzen. Humanitäre Hilfe darf nicht erst greifen, wenn die Hungersnot bereits da ist, sondern präventiv wirken – etwa durch Aufbau von Ernährungssicherung in friedlichen Zeiten. Entwicklungsprojekte müssen langfristig angelegt sein und „niemanden zurücklassen“, wie es in den Nachhaltigkeitszielen heisst. Dafür braucht es ausreichend Finanzierung: Von der Katastrophenhilfe über die Klimaanpassung bis zur ländlichen Entwicklung sind mehr Mittel notwendig, und zwar koordiniert und über längere Zeiträume. Der WHI-Bericht 2025 ruft die internationale Gemeinschaft eindringlich dazu auf, ihren Worten endlich Taten folgen zu lassen. Denn lösbar ist das Hungerproblem durchaus – das haben die letzten Jahrzehnte gezeigt.
Die Situation in Europa: Schweiz, Deutschland, Österreich, Frankreich
Doch wie sieht es eigentlich in reichen Ländern aus, hier in Europa? Auf den ersten Blick spielt Hunger in Ländern wie der Schweiz, Deutschland, Österreich oder Frankreich keine Rolle. Tatsächlich fällt all diesen Staaten im Welthunger-Index die Kategorie „niedrig“ zu – was bedeutet, dass Unterernährung und Kindersterblichkeit sehr selten sind. Eine tödliche Hungersnot wie in afrikanischen Krisengebieten muss hierzulande niemand fürchten. Das heisst aber nicht, dass es keinen Hunger gibt. In jeder dieser Gesellschaften existiert relative Armut und damit verbunden „Ernährungsarmut“ – Menschen, die Mühe haben, sich regelmäßig ausreichend und gesund zu ernähren. Die Unterschiede liegen eher im Ausmass und darin, wie der Sozialstaat reagiert.
In der Schweiz etwa gelten rund 702’000 Menschen als arm, weitere 1,34 Millionen sind von Armut bedroht (Stand 2022). Das entspricht etwa 8 Prozent der Bevölkerung. Natürlich hungern diese Menschen nicht im Sinne akuter Unterernährung; das dichte Netz aus Sozialhilfe, Arbeitslosenversicherung und anderen Sicherungssystemen verhindert schlimmere Not. Doch Armut bedeutet häufig, beim Essen sparen zu müssen – am Ende des Monats bleibt kaum Geld für frische und ausgewogene Lebensmittel. Besonders betroffen sind in der Schweiz Alleinerziehende, Familien mit mehreren Kindern, Alleinlebende und Migrantinnen und Migranten. Hunger ist hierzulande vor allem ein Tabuthema, denn sichtbare Unterernährung gibt es kaum. Die Armut zeigt sich eher verdeckt: Wenn Eltern Mahlzeiten auslassen, damit die Kinder satt werden, oder ältere Menschen an der Heizkosten sparen und dadurch in eine Mangelernährung rutschen. Sozialdiakonische Organisationen und kirchliche Initiativen spielen eine wichtige Rolle, um diese Lücken aufzufangen. In vielen Kirchgemeinden gibt es Lebensmittelabgaben, Mittagstische oder Notfonds für bedürftige Personen. Die reformierte Kirche betreibt in Städten wie Zürich Anlaufstellen für Obdachlose, und das Sozialwerk Pfarrer Sieber kümmert sich um Randständige. Projekte wie die „Streetchurch“ helfen benachteiligten Jugendlichen beim Übergang in Ausbildung und Arbeitswelt. All dies geschieht oft im Verborgenen und lokal vernetzt, denn eine nationale Strategie gegen Armut und Hunger fehlt in der Schweiz bislang.
Auch bei unseren Nachbarn in der EU ist Hunger kein flächendeckendes Problem, aber soziale Ungleichheit hinterlässt Spuren. In Deutschland lag die Armutsquote 2021 bei 16,6 % – rund 13,8 Millionen Menschen lebten also unter der armutsgefährdeten Einkommensgrenze. Gerade durch die Inflation der letzten zwei Jahre hat sich die Lage eher verschärft. Immer mehr Menschen nehmen die Hilfe von Tafeln, Suppenküchen und Lebensmittelausgaben in Anspruch. Laut dem Dachverband Tafel Deutschland e.V. werden derzeit etwa 1,6 bis 2 Millionen Bedürftige regelmässig durch Tafeln mit geretteten Lebensmitteln versorgt. Solche Zahlen machen deutlich: Selbst im wohlhabenden Deutschland hängt ein Teil der Bevölkerung für die tägliche Ernährung von freiwilligen Hilfsorganisationen ab. Ähnlich in Österreich: Hier stieg 2023 die Nachfrage bei der Tafel Österreich sprunghaft an. Über 35.000 armutsbetroffene Personen – ein Viertel mehr als im Vorjahr – erhielten kostenlose Lebensmittel-Unterstützung. Schätzungsweise 8,5 % der österreichischen Bevölkerung können es sich nicht leisten, jeden zweiten Tag eine vollwertige Mahlzeit (etwa mit Fleisch, Fisch oder dem entsprechenden vegetarischen Ersatz) einzunehmen. Diese „stille” Form von Hunger wird oft übersehen, ist aber für die Betroffenen bittere Realität. In Frankreich schlug im Herbst 2023 die berühmte Hilfsorganisation Restos du Cœur Alarm: Die Zahl der Bedürftigen überstieg alle bisherigen Rekorde. Bis September 2023 hatten die Restos du Cœur bereits 1,3 Millionen Menschen mit Essen unterstützt – mehr als im gesamten Vorjahr. Steigende Preise für Lebensmittel und Energie trieben immer mehr Französinnen und Franzosen in die Arme der „Restaurants des Herzens“. Die Situation wurde so kritisch, dass sogar die Regierung einschritt und Nothilfen bereitstellte, nachdem Restos du Cœur öffentlich vor dem Kollaps gewarnt hatte.
Diese Beispiele aus Mitteleuropa zeigen zweierlei: Erstens, Armut und Ernährungsunsicherheit existieren auch in Industrienationen – wenn auch in anderer Ausprägung als in Entwicklungsländern. Zweitens, soziale Sicherung und zivilgesellschaftliches Engagement verhindern hier das Schlimmste. In der Schweiz wie in Deutschland, Österreich und Frankreich federt ein Mix aus staatlichen Leistungen und privater Wohltätigkeit (Kirchen, Vereine, Stiftungen) die gröbste Not ab. Gerade kirchliche Sozialwerke – in Deutschland die Diakonie und Caritas, in der Schweiz die reformierte Sozialdiakonie und die Hilfswerke – sind oft nah an den Betroffenen und leisten praktische Hilfe, sei es durch Lebensmitteltafeln, Beratungsstellen oder Integrationsprojekte. Damit ergänzen sie den Staat und erinnern zugleich an den gesellschaftlichen Auftrag, niemanden zurückzulassen.
Schliesslich haben diese vier Länder auch eine Verantwortung auf globaler Ebene. Deutschland, Frankreich und die Schweiz gehören zu den grösseren Gebern von Entwicklungshilfe und humanitärer Unterstützung. Doch hier stellt sich wieder die Frage nach dem politischen Willen: So plante etwa die deutsche Regierung zuletzt Einsparungen im Entwicklungs- und Hilfsetat, was von Organisationen wie der Welthungerhilfe scharf kritisiert wurde. Denn wenn reiche Staaten bei der Hungerhilfe kürzen, zahlen die Schwächsten der Welt den Preis. Sozialdiakonisches Engagement bedeutet daher nicht nur, vor der eigenen Haustüre aktiv zu sein, sondern auch international Solidarität zu zeigen – durch Spenden, Freiwilligendienste und politische Lobbyarbeit für gerechte Strukturen.
Fazit: Strukturen verändern, Hunger überwinden
Der Welthunger-Index 2025 führt uns vor Augen, dass der Kampf gegen den Hunger in erster Linie ein Kampf gegen ungerechte Strukturen ist. Hunger weltweit hat tief verwurzelte Ursachen: Krieg, Klima, Armut, Ausgrenzung. Doch wir haben auch gelernt, welche Hebel wirken, um Hunger zu verringern – von Agrarreformen über Bildungsprogramme bis hin zu sozialer Absicherung. Die drängende Frage lautet nicht, ob wir wissen, was zu tun ist, sondern warum wir es nicht entschiedener tun. Solange Nahrung, Einkommen und Macht so ungleich verteilt sind, bleibt Hunger ein Skandal, der uns alle angeht. Ein afrikanisches Sprichwort sagt: „Viele kleine Leute, an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern.“ Genauso braucht es im Grossen wie im Kleinen entschlossene Schritte: politische Führungsstärke, ausreichende Finanzierung und engagierte Zivilgesellschaft. Der Hunger ist menschengemacht – und genau deshalb kann der Mensch ihn besiegen. Der Welthunger-Index 2025 hält uns den Spiegel vor: Noch ist „Zero Hunger“ kein erreichter Triumph, sondern ein Auftrag zum Handeln. Packen wir es an, damit eines Tages wirklich niemand mehr hungern muss.
