Wenn Gesundheit mehr ist als nicht krank sein

Wenn Gesundheit mehr ist als nicht krank sein

Kinder und Jugendliche in der Schweiz wachsen mehrheitlich gesund auf. Das ist die beruhigende Nachricht des neuen Monitorings KidsHealthCH. Doch dieselben Daten erzählen auch von einem Alltag, in dem psychische Belastungen, Schlafprobleme, Mobbing, digitale Überforderung und soziale Risiken sichtbarer werden. Der Bericht des Bundesamts für Gesundheit liest sich deshalb wie eine Bestandsaufnahme der Gegenwart: viel Stabilität, viele Fortschritte, aber auch Warnzeichen, die nicht mehr als Randnotiz behandelt werden können.

Wer wissen will, wie es Kindern und Jugendlichen geht, muss viele Orte gleichzeitig betrachten. Die Familie, die Schule, die Freizeit, die Arztpraxis, die Klinik, die Wohnung, den Bildschirm, den Körper, die Psyche. Genau darin liegt die Bedeutung von KidsHealthCH. Das neue Schweizer Monitoring-System der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen sammelt nicht eine einzelne Kennzahl, sondern versucht, ein ganzes Lebensfeld zu vermessen. Es fragt, wie gesund junge Menschen sind, wie sie sich verhalten, wie zugänglich Unterstützung und Versorgung sind und unter welchen Bedingungen sie aufwachsen.

Der Bericht umfasst die Zeit von der Schwangerschaft bis zum 25. Lebensjahr. Diese weite Altersspanne ist mehr als eine technische Setzung. Sie macht sichtbar, dass Gesundheit nicht an der Schwelle der Volljährigkeit endet und dass die Übergänge von Kindheit, Jugend und frühem Erwachsenenalter fliessend sind. Wer mit 16 psychisch unter Druck steht, mit 19 keine Ausbildung macht oder mit 23 in eine Versorgungslücke fällt, bewegt sich weiterhin in einer biografischen Phase, in der Schutz, Beziehung und frühe Unterstützung entscheidend bleiben.

KidsHealthCH ist aus einem Mangel entstanden. Bislang fehlte in der Schweiz ein systematisches nationales Monitoring der Kinder- und Jugendgesundheit. Es fehlte damit auch ein Überblick darüber, wo Daten fehlen. Nun liegen 100 Indikatoren vor, die vier grosse Themenfelder abdecken: Gesundheitszustand, Gesundheitsverhalten, Angebot und Inanspruchnahme von Gesundheitsdienstleistungen sowie Rahmenbedingungen. Für 85 dieser 100 Indikatoren sind nationale Daten verfügbar. Die übrigen 15 Lücken sind keine Nebensache, sondern selbst eine Botschaft: Gerade dort, wo frühe Entwicklung, Unterstützung und Versorgung besonders sensibel sind, weiss die Schweiz noch nicht genug.

Am Anfang des Berichts steht ein Satz, der wie eine Überschrift über der ganzen Lage liegen könnte: «Trotz insgesamt guter Gesundheit zeichnen sich problematische Trends ab.» Und unmittelbar danach folgt die Einordnung: «Diese erfordern wirksame Interventionen und intersektorale Zusammenarbeit.» Das ist nüchtern formuliert, aber es ist ein deutlicher Hinweis. Die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ist nicht allein Aufgabe der Medizin. Sie entsteht im Zusammenwirken von Familien, Schulen, Gemeinden, Gesundheitsversorgung, Sozialwesen, Politik und zivilgesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren.

Die gute Nachricht ist nicht klein

Die erste Lesart des Berichts ist ermutigend. Der allgemeine Gesundheitszustand junger Menschen in der Schweiz wird grossmehrheitlich als gut bis sehr gut eingeschätzt. Bei den 1- bis 10-Jährigen bewerten nahezu alle Eltern den Gesundheitszustand ihrer Kinder entsprechend positiv; 2022 lag dieser Anteil bei 98 Prozent. Auch bei den 15- bis 24-Jährigen ist die eigene Einschätzung hoch: 94 Prozent geben an, ihre Gesundheit sei gut oder sehr gut.

Auch andere Daten zeigen Fortschritte. Die Todesfallrate der 0- bis 25-Jährigen ist im Vergleich zu 1995 weniger als halb so hoch. Frühgeburten gehen zurück. Die Durchimpfung der 16-Jährigen ist bei allen empfohlenen Impfungen gestiegen, bei einzelnen Basisimpfungen wurden Durchimpfungsquoten von 90 Prozent und mehr erreicht. Das sind keine abstrakten Erfolgsmeldungen. Hinter ihnen stehen Vorsorge, Prävention, medizinische Versorgung, Beratung, Aufklärung und eine Infrastruktur, die in vielen Bereichen trägt.

Auch im Gesundheitsverhalten gibt es Entwicklungen, die Mut machen. Kinder und Jugendliche bewegen sich in bestimmten Altersgruppen mehr. Der Konsum von Süssgetränken ist bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen rückläufig. Alkohol- und Cannabiskonsum zeigen tendenziell eine Abnahme. 2024 wurden nach Schätzungen fast zwei Millionen Kinder und Jugendliche durch kantonale Aktionsprogramme und Projektförderungen im Bereich Gesundheitsförderung und Prävention erreicht. Das Bild ist also nicht jenes einer Generation, die pauschal gefährdet wäre. Es ist differenzierter. Vieles funktioniert. Vieles stabilisiert. Vieles schützt.

Gerade deshalb lohnt es sich, auf die Bruchlinien zu achten. Denn eine hohe durchschnittliche Gesundheit kann verdecken, dass bestimmte Gruppen stärker belastet sind. Der Bericht nennt Mädchen und junge Frauen, aber auch sozial benachteiligte Jugendliche. Gesundheit ist nicht gleich verteilt. Sie hängt an Ressourcen, Beziehungen, Bildung, Wohnraum, Zugang zur Versorgung und an der Fähigkeit, sich in komplexen Systemen zurechtzufinden.

Wenn Wohlbefinden leiser wird

Der deutlichste Schatten liegt über der psychischen Gesundheit. Der Bericht formuliert es unmissverständlich: «Die psychische Gesundheit junger Menschen in der Schweiz steht zunehmend unter Druck.» 51 der 100 Indikatoren weisen einen Bezug zur psychischen Gesundheit auf. Das allein zeigt, wie sehr psychisches Wohlbefinden mit fast allen Feldern des Aufwachsens verbunden ist: mit Schlaf, Bewegung, Mediennutzung, Schule, Gewalt, sozialer Unterstützung, Armut, Familie und Versorgung.

Bei den 11- bis 15-Jährigen ist das subjektive Wohlbefinden zurückgegangen. Der Anteil jener, die angeben, sehr zufrieden mit ihrem Leben zu sein, lag 2022 bei 55 Prozent; 20 Jahre zuvor waren es 67 Prozent. Bei den 15- bis 24-Jährigen schätzen zwar weiterhin 91 Prozent ihre Lebensqualität als gut oder sehr gut ein, doch auch hier zeigt sich ein leichter Rückgang, besonders bei jungen Frauen. Es sind kleine Bewegungen in grossen Zahlen, aber sie deuten auf eine veränderte Grundspannung im Alltag hin.

Besonders eindrücklich sind die Angaben zu wiederkehrenden psychoaffektiven Symptomen. 65 Prozent der 11- bis 15-Jährigen berichteten 2022, in den letzten sechs Monaten mehrmals pro Woche mindestens ein entsprechendes Symptom erlebt zu haben. Dazu gehören Müdigkeit, Einschlaf- oder Durchschlafschwierigkeiten, Gereiztheit, Wut, Nervosität, Traurigkeit oder Ängstlichkeit. Solche Angaben sind keine Diagnosen. Aber sie sind Signale. Sie zeigen, dass viele Jugendliche ihren Alltag nicht einfach als Wachstum, Lernen und Entdecken erleben, sondern auch als Erschöpfung und innere Unruhe.

Bei den 15- bis 24-Jährigen berichtet etwa ein Fünftel von mittelschweren bis schweren Depressionssymptomen beziehungsweise von mittelhoher bis hoher psychischer Belastung. Seit 2017 haben Depressionssymptome in dieser Altersgruppe um rund 46 Prozent zugenommen, die psychische Belastung um rund 59 Prozent. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Auch Suizidversuche und Hospitalisierungen wegen psychischer Erkrankungen oder mutmasslicher Suizidversuche haben zugenommen, besonders bei Mädchen und jungen Frauen. Gleichzeitig hält der Bericht fest, dass Todesfälle durch vorsätzliche Selbstverletzung in dieser Altersgruppe sehr selten sind. Gerade diese Spannung ist wichtig: Das Thema verlangt Aufmerksamkeit, ohne Alarmismus; Ernsthaftigkeit, ohne Dramatisierung.

Die Zahlen zeigen zudem, dass psychische Belastung nicht nur im Kopf stattfindet. Sie zeigt sich im Körper, in Bauch-, Kopf- und Rückenschmerzen, in Schlafstörungen, in Schulstress, in sozialem Rückzug oder in der Inanspruchnahme von Versorgung. Bei den 11- bis 15-Jährigen haben wiederkehrende Rücken-, Kopf- oder Bauchschmerzen seit 2002 deutlich zugenommen. Solche Beschwerden können somatische Ursachen haben, aber auch Ausdruck von Stress und Unwohlsein sein. Der Körper spricht mit, wenn der Alltag zu viel wird.

Schule, Stress und die verletzliche Mitte des Alltags

Die Schule ist im Bericht nicht bloss ein Ort von Bildung, sondern ein Raum, in dem Gesundheit sichtbar wird. Rund ein Drittel der 11- bis 15-Jährigen fühlt sich durch die Arbeit für die Schule gestresst. Dieser Anteil ist seit 2018 stark gestiegen, Mädchen sind stärker betroffen als Jungen. Gleichzeitig hat Mobbing in der Schule und online zugenommen. 2022 berichteten 7 Prozent der 11- bis 15-Jährigen, mindestens zweimal pro Monat in der Schule gemobbt worden zu sein; online waren es 3 Prozent. Hinter solchen Prozentwerten stehen Klassenzimmer, Pausenplätze, Gruppenchats und die Frage, ob ein Kind einen Ort hat, an dem es nicht bewertet, beschämt oder ausgeschlossen wird.

Der Bericht zeigt auch, dass Selbstwirksamkeit und Kontrollüberzeugung keine weichen Nebenbegriffe sind. Nur 20 Prozent der 11- bis 15-Jährigen nehmen ihre Selbstwirksamkeit als hoch wahr. Bei den 15- bis 24-Jährigen geben 22 Prozent eine hohe Kontrollüberzeugung an; dieser Anteil sinkt seit 2012 deutlich. Wer weniger überzeugt ist, Probleme beeinflussen zu können, erlebt Belastungen anders. Für Prävention und Gesundheitsförderung bedeutet das: Es genügt nicht, Risiken zu benennen. Kinder und Jugendliche brauchen Erfahrungen, dass sie etwas bewirken können, dass Hilfe erreichbar ist und dass sie in Krisen nicht allein bleiben.

Auch die Gesundheitskompetenz wird zur Schlüsselfrage. Etwas mehr als die Hälfte der 18- bis 25-Jährigen verfügt über eine ausreichende bis ausgezeichnete generelle Gesundheitskompetenz. Bei digitaler Gesundheitskompetenz und Navigationskompetenz im Gesundheitssystem liegen die Werte deutlich tiefer. In einer Zeit, in der Gesundheitsinformationen jederzeit verfügbar sind, wird genau diese Fähigkeit entscheidend: Informationen finden, verstehen, bewerten und für das eigene Leben nutzen zu können. Je komplexer die Systeme werden, desto wichtiger werden Menschen und Orte, die übersetzen, begleiten und Vertrauen schaffen.

Bildschirm, Schlaf und neue Konsumformen

Ein Jugendzimmer ist heute auch ein digitaler Raum. Der Bericht beschreibt soziale Medien nicht moralisch, sondern als ambivalente Wirklichkeit. Sie können verbinden, informieren und Ausdruck ermöglichen. Zugleich nimmt die problematische Nutzung sozialer Medien zu, besonders bei Mädchen. 2022 nutzten 7 Prozent der 11- bis 15-Jährigen soziale Medien in problematischer Weise; bei Mädchen waren es 10 Prozent, bei Jungen 4 Prozent. Seit 2018 hat sich dieser Anteil deutlich erhöht. Problematisch meint dabei nicht einfach häufig, sondern eine Nutzung mit Kontrollverlust und möglichen Folgen für Schlaf, Wohlbefinden, soziale Entwicklung und schulische Leistungen.

Auch Schlaf wird zum Gradmesser. Bei den 15- bis 24-Jährigen geben 28 Prozent an, an pathologischen oder mittelstarken Schlafstörungen zu leiden. Der Anteil war lange stabil und ist seit 2017 gestiegen; Mädchen und Frauen sind häufiger betroffen als Jungen und Männer. Schlaf ist mehr als Erholung. Er ordnet, verarbeitet, schützt. Wenn Schlaf gestört ist, gerät ein ganzer Alltag aus dem Gleichgewicht. Die Daten verbinden Schlafstörungen mit Risiken für psychische Erkrankungen, Suchtverhalten, chronische Gesundheitsprobleme sowie Bildungs- und Teilhabefragen.

Neben digitalen Belastungen treten neue und alte Konsumformen in den Blick. Der Konsum herkömmlicher Zigaretten bei 11- bis 15-Jährigen war zwischen 2010 und 2018 gesunken, nimmt seither aber wieder zu. Der Konsum von E-Zigaretten bei 14- bis 15-Jährigen liegt bei 21 Prozent und ist besonders bei Mädchen gestiegen. Bei den 15- bis 24-Jährigen konsumieren 24 Prozent mindestens monatlich ein Tabak- oder Nikotinprodukt. Alkohol und Cannabis sind tendenziell rückläufig, doch Hospitalisierungen mit substanzbedingter Störung nehmen zu, insbesondere in Zusammenhang mit Cannabinoiden, Sedativa oder Hypnotika, Kokain und Alkohol.

Das ist ein typisches Muster moderner Prävention: Einige klassische Risiken gehen zurück, während neue Formen entstehen oder alte Risiken in neuer Verpackung zurückkehren. Die Antwort darauf kann nicht allein Verbot oder Information sein. Der Bericht betont die Notwendigkeit wirksamer, integrativer, alters- und geschlechtssensibler Präventionsstrategien. Diese müssen den Alltag erreichen, nicht nur Plakate, Kampagnen und Broschüren.

Versorgung: stark, aber nicht überall sichtbar

Die Schweiz verfügt in vielen Bereichen über eine starke Versorgung. Die Zufriedenheit von Eltern mit stationären Behandlungen ihrer Kinder ist sehr hoch. Vorsorgeuntersuchungen bei Säuglingen werden anhaltend häufig genutzt. Die Ärztedichte im Bereich Kinder- und Jugendmedizin ist gestiegen. Doch der Bericht zeigt zugleich eine heterogene Entwicklung. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie sowie in der Kinderchirurgie bleibt die Entwicklung der ärztlichen Kapazitäten eher stabil. Regionale Unterschiede in Verfügbarkeit und Erreichbarkeit können zu Versorgungslücken führen und gesundheitliche Ungleichheiten verstärken.

Besonders deutlich wird der Druck in der Psychiatrie und Psychotherapie. Die Hospitalisierungsrate bei unter 25-Jährigen ist gestiegen, insbesondere bei Mädchen und jungen Frauen. 2024 wurden 7 Promille der 0- bis 24-Jährigen in der Psychiatrie oder Psychotherapie hospitalisiert; bei Mädchen und jungen Frauen lag die Rate höher als bei Jungen und jungen Männern. Zwischen 2020 und 2021 war der Anstieg am grössten, danach blieben die Raten relativ stabil. Das kann vieles bedeuten: mehr Belastung, mehr Erkennung, mehr Einweisungen, mehr Bedarf. Für die Praxis bleibt entscheidend, dass Unterstützung möglichst früh, niedrigschwellig und bedarfsgerecht erreichbar ist.

Gleichzeitig benennt KidsHealthCH Datenlücken gerade dort, wo viele Familien Unterstützung suchen oder suchen müssten. Für schulpsychologische Dienste liegen keine nationalen Daten zur Inanspruchnahme vor. Auch für intermediäre Angebote wie Tageskliniken, Ambulatorien oder aufsuchende Angebote fehlen umfassende nationale Daten. Bei Angeboten der Mütter- und Väterberatung befindet sich die Statistik in Überarbeitung; die vorhandenen Ergebnisse zeigen jedoch, dass Beratungen besonders in den ersten 20 Lebenswochen eines Kindes stark nachgefragt werden. Datenlücken sind hier mehr als methodische Leerstellen. Sie erschweren es, Versorgung so zu planen, dass Hilfe dort ankommt, wo sie gebraucht wird.

Die Familie als Schutzraum und Belastungsort

Gesundheit beginnt nicht erst im Gesundheitswesen. Sie beginnt in der Wohnung, im Einkommen, in der Sprache, in der Bildung der Eltern, in Beziehungen, in Alltagsrhythmen. Der Bericht beschreibt Rahmenbedingungen als Lebenswelten im Wandel. Dabei zeigt sich ein gemischtes Bild. Die soziale Unterstützung durch Familie und Freundinnen und Freunde bleibt bei 11- bis 15-Jährigen auf hohem Niveau stabil. 86 Prozent berichten von hoher Unterstützung durch die Familie, 82 Prozent von hoher Unterstützung durch Freundinnen und Freunde. Bei den 15- bis 24-Jährigen geben 52 Prozent eine starke soziale Unterstützung durch ihr Umfeld an.

Diese Zahlen sind wichtig, weil sie zeigen, dass viele junge Menschen nicht allein sind. Beziehung bleibt eine Ressource. Und doch zeigt der Bericht, dass Belastungen in Familien zunehmen. Der Anteil von Personen mit Depressionssymptomen oder psychischer Belastung in Haushalten mit Kindern ist gestiegen. 2022 gaben 10 Prozent der Bevölkerung mit Kindern unter 15 Jahren im Haushalt mittelschwere bis schwere Depressionssymptome an; 18 Prozent berichteten von mittlerer oder hoher psychischer Belastung. Kinder aus psychisch belasteten Familien haben ein erhöhtes Risiko, selbst psychisch zu erkranken. Daraus folgt keine Schuldzuweisung an Eltern, sondern eine sozialpolitische und diakonische Einsicht: Familien brauchen Unterstützung, bevor Belastungen zu Krisen werden.

Auch relative Armut bleibt Teil der Gesundheitsgeschichte. 2024 lebten 10 Prozent der 0- bis 17-Jährigen und 12 Prozent der 18- bis 24-Jährigen in relativer Armut. Diese Anteile sind über die betrachteten Jahre relativ stabil, aber Stabilität bedeutet hier nicht Entwarnung. Einelternhaushalte mit minderjährigen Kindern sind häufiger betroffen. Relative Armut ist mit schlechterem Gesundheitszustand, höherer Krankheitslast und eingeschränktem Zugang zu gesundheitsfördernden Lebensbedingungen verbunden. Armut zeigt sich nicht nur im Portemonnaie, sondern in Wohnraum, Ernährung, Freizeit, Stress und Teilhabe.

Die Wohnsituation ergänzt dieses Bild. 2023 gaben 21 Prozent der 0- bis 17-Jährigen an, mit Entbehrungen im Wohnumfeld wie Lärm, Verschmutzung oder Kriminalität zu leben. 16 Prozent lebten in zu feuchten Wohnungen, 9 Prozent in überbelegten Wohnungen. Solche Zahlen rücken Gesundheit aus der engen medizinischen Perspektive heraus. Ein Kind schläft nicht nur in einem Körper, sondern in einem Zimmer. Es lernt nicht nur mit einem Gehirn, sondern unter Bedingungen, die Ruhe, Konzentration und Sicherheit ermöglichen oder erschweren.

Jugendschutz als Beziehungsfrage

Besonders konkret wird der Bericht beim Schutz vor Alkohol und Tabak. 14- und 15-Jährige beziehen Alkohol und Tabak weiterhin auf Wegen, die den gesetzlichen Jugendschutz unterlaufen. 2022 gaben 19 Prozent der 14- bis 15-Jährigen, die in den letzten 30 Tagen Alkohol getrunken hatten, an, Alkohol im Handel oder in der Gastronomie gekauft zu haben. Bei herkömmlichen Zigaretten lag der entsprechende Wert bei 45 Prozent. Rund drei Viertel bezogen diese Produkte von Bekannten. Auch der Bezug von Unbekannten und Diebstahl kommen vor. Der Bericht hält fest, dass die Abgabe von Alkohol und Tabak an unter 16- beziehungsweise 18-Jährige den gesetzlichen Jugendschutz unterläuft und verboten ist.

Jugendschutz erscheint in solchen Daten schnell als Kontrollproblem. Doch er ist auch eine Beziehungsfrage. Wer verkauft, weitergibt oder wegschaut, gestaltet die Umgebung, in der Jugendliche Entscheidungen treffen. Prävention muss deshalb nicht nur Jugendliche erreichen, sondern Erwachsene, Händlerinnen und Händler, Gastronomie, Familien, Vereine und soziale Räume. Sie muss die Orte ernst nehmen, an denen Zugehörigkeit entsteht und Risiken normal werden.

Was Daten sichtbar machen und was sie nicht können

Ein Monitoring ist kein Kind, kein Jugendlicher, keine Familie. Es zählt, ordnet, vergleicht, zeigt Trends. Es kann nicht trösten, beraten oder begleiten. Aber es kann verhindern, dass Erfahrungen unsichtbar bleiben. Es macht sichtbar, dass psychische Belastungen nicht nur Einzelfälle sind. Es zeigt, dass Mädchen und junge Frauen in mehreren Bereichen stärker betroffen sind. Es zeigt, dass soziale Benachteiligung und Gesundheit zusammenhängen. Es zeigt, dass Versorgung nicht nur vorhanden, sondern erreichbar sein muss. Und es zeigt, wo Wissen fehlt.

Für ein elektronisches Magazin der Diakonie Schweiz ist an diesem Bericht besonders wichtig, dass er Gesundheit als Beziehungsgeschehen sichtbar macht. Die Daten sprechen von Gesundheitssystemen, aber auch von Unterstützung, Chancengleichheit, Wohnraum, Bildung, Schutz und Prävention. Sie rücken damit Felder in den Vordergrund, die in diakonischem Handeln zentral sind: frühe Hilfe, Familienunterstützung, Begleitung in Krisen, niederschwellige Beratung, Schutz von Kindern und Jugendlichen, Stärkung von Ressourcen und Einsatz für faire Lebensbedingungen.

Der Bericht vermeidet grosse Gesten. Er arbeitet mit Indikatoren, Tabellen und Verläufen. Doch zwischen diesen Zahlen liegt eine klare Aufgabe: Kinder und Jugendliche brauchen Räume, in denen sie gesund aufwachsen können. Nicht nur medizinisch versorgt, sondern gehört. Nicht nur informiert, sondern begleitet. Nicht nur bewertet, sondern gestärkt. Wenn ein Monitoring zeigt, dass Gesundheit mehr ist als nicht krank sein, dann fordert es auch mehr als einzelne Programme. Es fordert eine Kultur des Hinschauens.

Ein Auftrag, der früh beginnt

KidsHealthCH soll künftig alle vier Jahre erscheinen und weiterentwickelt werden. Das ist wichtig, weil Trends erst im Verlauf wirklich lesbar werden. Doch schon der erste Bericht macht deutlich, dass Kinder- und Jugendgesundheit nicht warten kann, bis Daten vollständig sind. Wo Belastungen zunehmen, braucht es frühzeitige Unterstützung. Wo Daten fehlen, braucht es bessere Beobachtung. Wo Versorgungslücken möglich sind, braucht es verlässliche Zugänge. Wo Familien unter Druck stehen, braucht es Angebote, die nicht erst reagieren, wenn die Krise da ist.

Die Stärke des Monitorings liegt darin, dass es keine einfache Geschichte erzählt. Es sagt nicht, die Jugend sei krank. Es sagt auch nicht, alles sei gut. Es zeigt ein Land, in dem viele Kinder und Jugendliche gute Voraussetzungen haben, und zugleich ein Land, in dem psychische Belastungen, soziale Risiken und neue Gesundheitsgewohnheiten ernster genommen werden müssen. Die eigentliche Frage ist deshalb nicht, ob die Schweiz ein Problem hat. Die Frage ist, ob sie die sichtbaren Zeichen früh genug in gemeinsames Handeln übersetzt.

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