Wenn die Schweiz in die Zukunft blickt, richtet sie den Blick häufig auf technische Lösungen, Klimaziele oder Infrastrukturen. Die eigentliche Sprengkraft der nächsten Jahrzehnte liegt jedoch tiefer. Sie liegt in der Frage, wie Menschen miteinander leben, wie viel Ungleichheit eine Gesellschaft aushält, wie Vertrauen in Institutionen erhalten bleibt und wie tragfähig ein Gemeinwesen wird, wenn es älter, vielfältiger und klimatisch verletzlicher wird. Genau hier setzen die neuen Schweizer Zukunftsszenarien an, die die Eidgenössische Forschungsanstalt WSL im Rahmen von NCCS-Impacts entwickelt hat. Sie fragen, in welcher Art Gesellschaft die Schweiz das Jahr 2100 erreichen könnte.
Das ist ein bemerkenswerter Perspektivwechsel. Wer sich vor Augen führt, wie weit das Jahr 2100 entfernt scheint, vergisst leicht, dass auch 1952 für die Schweiz keineswegs eben erst gestern war. Damals gab es weder ein reguläres Fernsehprogramm noch die heutige Alltagsdigitalisierung, das Frauenstimmrecht lag auf Bundesebene noch in der Zukunft, und weniger als fünf Millionen Menschen lebten im Land. Diese historische Distanz ist mehr als ein erzählerischer Einstieg. Sie zeigt, wie tiefgreifend sich soziale, technische und politische Ordnungen in wenigen Jahrzehnten verschieben können. Die WSL nimmt diesen Gedanken ernst und öffnet daraus einen Möglichkeitsraum.
Dieser Möglichkeitsraum ist breit. In der genügsamen Schweiz gewinnt gesellschaftlicher Zusammenhalt gegenüber materiellem Wachstum an Gewicht. Die Menschen konsumieren weniger, Wege werden kürzer, Energie wird gespart, regionale Zentren gewinnen an Bedeutung, und ein ausgebauter Sozialstaat stabilisiert den Alltag. Der Lebensstandard sinkt messbar, gleichzeitig bleibt das Wohlbefinden hoch. In der effizienten Schweiz bleibt die Gesellschaft offen, leistungsfähig und innovationsorientiert. Kreislaufwirtschaft, technologische Effizienz und verdichtete Städte prägen das Bild, die Wirtschaft wächst moderat weiter, und die Gewinne aus Produktivitätssteigerungen werden verteilt. Beide Pfade führen in nachhaltigere Zukünfte, doch sie tun dies auf unterschiedliche Weise. Der eine setzt auf Suffizienz, der andere auf Effizienz.
Auf der anderen Seite des Spektrums stehen drei deutlich härtere Zukünfte. Die konfliktreiche Schweiz ist von Polarisierung, Rückbau des Sozialstaates und institutioneller Erosion geprägt. Die ungleiche Schweiz wächst wirtschaftlich zunächst, doch der Wohlstand konzentriert sich an der Spitze, während Bildung, Betreuung, Gesundheitsversorgung und soziale Sicherheit für grosse Teile der Bevölkerung prekär oder unerschwinglich werden. Die ressourcenintensive Schweiz schliesslich wirkt zunächst erfolgreich, weil Wachstum, Konsum und Zuwanderung stark bleiben. Doch sie hält an fossilen und flächenintensiven Mustern fest und wird gegen Ende des Jahrhunderts von geopolitischen Energieengpässen, Umweltkosten und sozialem Abstieg eingeholt. Was heute wie Prosperität aussieht, kippt dort spät, aber umso brutaler.
Gerade für ein Land wie die Schweiz ist diese Szenarienbildung politisch aufschlussreich. Die Studie zeigt, dass die wichtigsten Weichen weit über die Klimapolitik hinausreichen. Sie betreffen Verteilung, Mobilität, Bodenpolitik, Gesundheitsversorgung, Migration und demokratische Kultur. Eine Gesellschaft kann technologisch erfolgreich sein und sozial zerfallen. Sie kann materiell bescheidener werden und dennoch an Lebensqualität gewinnen. Sie kann wirtschaftlich wachsen und gleichzeitig ihre Mitte verlieren. Das ist die eigentliche Provokation des Projekts: Es verbindet Klima-, Sozial- und Strukturfragen so eng, dass Umweltpolitik und Sozialpolitik als gemeinsame Zukunftsaufgabe sichtbar werden.
Der lange Schatten der Gegenwart
Die Zukunft beginnt allerdings in einer Gegenwart, die bereits stark in Bewegung ist. Die Schweiz ist gewachsen, älter und komplexer geworden. Seit Beginn der 2000er Jahre hat das Land mehrere Millionen Einwohnerinnen und Einwohner hinzugewonnen. Migration bildet dabei eine Strukturbedingung. Sie trägt den Arbeitsmarkt, prägt Städte, Schulen, Pflege, Verkehr und Wohnungsmarkt und wird zugleich politisch zunehmend umstritten. Dass die Bevölkerung von 7,3 Millionen im Jahr 2002 auf rund 9,1 Millionen im Jahr 2025 gestiegen ist, ist deshalb mehr als eine statistische Notiz. Es ist der Hintergrund fast aller gegenwärtigen Konflikte über Dichte, Infrastruktur, Mieten, Arbeitskräfte und Zugehörigkeit.
Ökonomisch steht die Schweiz im europäischen Vergleich weiterhin stark da. Über lange Zeit war das reale Wachstum robuster als in vielen Nachbarländern, die Produktivität hoch, die öffentlichen Finanzen vergleichsweise stabil. Gerade dieser Erfolg kann trügerisch sein, sobald er als Garantie für sozialen Zusammenhalt missverstanden wird. Denn auch in der Schweiz verteilen sich Kosten und Belastungen ungleich. Wo Wohnraum knapp, Betreuungsarbeit teuer, Gesundheitskosten hoch und lokale Netze dünner werden, wächst das Risiko stiller Ausgrenzung. Die WSL-Szenarien machen sichtbar, wie der Weg in eine ungleiche oder konfliktreiche Schweiz schon mit der Normalisierung kleiner Entkopplungen beginnen kann: zwischen Einkommen und Lebenshaltungskosten, zwischen institutioneller Leistungsfähigkeit und subjektivem Vertrauen, zwischen nationalem Wohlstand und lokaler Erreichbarkeit von Hilfe.
Der Blick auf Deutschland, Österreich und Frankreich schärft dieses Bild. Deutschland zeigt, wie stark eine alternde Gesellschaft selbst unter wirtschaftlich grossem Gewicht unter Druck geraten kann. Dort nimmt die Bevölkerung in mittleren amtlichen Varianten bis 2070 deutlich ab, während die Zahl der Menschen im Rentenalter zunimmt und der Altenquotient stark steigt. Für soziale Dienste bedeutet das: weniger Erwerbspersonen, mehr Pflegebedarf, grössere regionale Spannungen. Österreich bildet dazu ein Gegenbild und zugleich eine Mahnung. Das Land wächst demografisch weiter, vor allem migrationsgetragen. Schon heute hat dort mehr als ein Viertel der Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Damit verlagert sich der Druck in Integration, Bildung, Sprache, kommunale Planung und leistbares Wohnen.
Frankreich wiederum illustriert besonders deutlich, dass Alterung und Verteilungsfragen zusammengehören. Dass 2025 erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg mehr Menschen starben als geboren wurden, markiert mehr als eine demografische Zäsur. Es ist ein Symbol für die Erschöpfung eines lange als relativ stabil geltenden europäischen Sozialmodells. Gleichzeitig meldet Frankreich steigende Armut und höhere Ungleichheit. Die Schweiz wird dadurch nicht automatisch zu Frankreich. Doch auch wohlhabende Gesellschaften geraten unter Druck, wenn Umverteilung die Spreizung nicht mehr ausreichend dämpft und wenn ein wachsender Teil des Alltags als teurer, unsicherer und weniger steuerbar erlebt wird.
Vor diesem Hintergrund wirken die SSP-CH fast wie ein Spiegel der Gegenwart in Zeitlupe. Die effiziente Schweiz ähnelt in manchem dem Selbstbild des Landes: innovativ, international vernetzt, institutionell verlässlich. Die ungleiche und die ressourcenintensive Schweiz erinnern an Entwicklungen, die bereits heute stückweise sichtbar sind: hohe Bodenpreise, segregierte Wohnräume, politische Nervosität über Migration, ökologische Kosten eines konsumintensiven Lebensstils und die Tendenz, Grundversorgung stärker nach Kaufkraft als nach Bedarf zu organisieren. Die genügsame Schweiz wirkt für manche vielleicht am fremdesten. Gerade deshalb ist sie wichtig. Sie erinnert daran, dass gesellschaftliche Stabilität auch über Entschleunigung, lokale Bindung, Versorgungssicherheit und geteilte Standards des Genug entstehen kann.
Was Diakonie heute daraus lesen kann
Für die Diakonie Schweiz liegt die Kraft dieser Szenarien in ihrer Übersetzung in gegenwärtiges Handeln. Wer heute soziale Dienste plant, braucht Bedarfsprognosen und zugleich ein Gespür für Kipppunkte. Die erste Lehre lautet deshalb: Armutsprävention muss künftig weiter gefasst werden. Sie umfasst Wohnen, Energie, Mobilität, Gesundheit und digitale Zugänge zugleich. Eine Familie kann statistisch oberhalb der Armutsgrenze liegen und trotzdem an Mieten, Krankenkassenprämien, Wegkosten und Betreuungsengpässen zerreiben. In einem ressourcenintensiven oder ungleichen Pfad wird aus dieser Belastung ein Massenproblem. In einem effizienten Pfad kann sie technokratisch unsichtbar werden. In beiden Fällen braucht es Organisationen, die den Alltag verletzlicher Gruppen erfassen und praktisch erreichbar bleiben.
Die zweite Lehre betrifft Migration. In allen betrachteten Ländern zeigt sich, dass Zuwanderung demografisch entlastet und sozialpolitisch neue Anforderungen erzeugt. Für die Schweiz wird diese Doppelwahrheit prägend bleiben. Ohne Einwanderung wachsen Engpässe in Pflege, Transport, Bau, Gastronomie und Gesundheitswesen schneller. Mit Einwanderung steigen die Anforderungen an Schule, Quartierarbeit, Sprachförderung, Übergänge in Ausbildung und Beruf sowie an die politische Verständigung darüber, was Zugehörigkeit heisst. Diakonische Akteure können hier eine besondere Rolle spielen, weil sie soziale Übersetzung leisten: zwischen Institutionen und Lebenswelten, zwischen Verwaltungssprache und Alltag, zwischen Herkunftserfahrungen und lokaler Verankerung.
Die dritte Lehre ist gesundheitspolitisch. Eine alternde und wärmere Schweiz wird verletzlicher für Hitzebelastung, Einsamkeit, chronische Erkrankungen und pflegerische Überforderung. In konfliktiven oder ungleichen Zukünften trifft das zuerst jene, die finanziell, sprachlich oder räumlich am wenigsten beweglich sind. Deshalb gehört Klimaanpassung in die soziale Arbeit hinein. Hitzeschutzpläne, aufsuchende Angebote, kühle Aufenthaltsorte, Sorgeketten in Quartieren und kirchliche Räume als lokale Anlaufstellen werden Teil jener Grundresilienz, die darüber entscheidet, ob eine Gesellschaft Krisen solidarisch oder selektiv verarbeitet.
Schliesslich legen die Szenarien eine unbequeme, aber zentrale Einsicht nahe: Sozialer Zusammenhalt ist Infrastruktur. Wo Vertrauen in Institutionen, zivilgesellschaftliche Dichte und Zugänglichkeit von Grundversorgung hoch bleiben, gewinnen auch Klimapolitik, Effizienz und gesellschaftlicher Wandel an politischer Tragfähigkeit. Wo Polarisierung, Klientelismus, Segregation und Preisstress dominieren, wird fast jede Transformation sozial härter. Für die Diakonie heisst das: Sie reagiert auf Defizite und baut zugleich gesellschaftliche Bindekräfte mit auf. Nachbarschaftsarbeit, Freiwilligennetze, generationenübergreifende Orte, Schuldnerberatung, Familienbegleitung, Migrationsarbeit und politische Anwaltschaft erscheinen in den SSP-CH als Kern dessen, was eine robuste Schweiz überhaupt erst möglich macht.
Die fünf Zukunftsbilder der WSL enden im Jahr 2100. Ihre politische Pointe liegt jedoch viel früher. Sie liegt in den Entscheidungen der 2020er- und 2030er-Jahre. Dass die Schweiz altert, ist kaum umstritten. Ob sie dabei solidarischer, effizienter, gespaltener oder krisenanfälliger wird, ist offen. Genau in dieser Offenheit beginnt die Verantwortung.
