ZHAW-Projekt setzt Social Influencer:innen gegen Hass im Netz ein

10. Dez. 2025

Mit dem Projekt «Social Influencer:in» erprobt die ZHAW Soziale Arbeit digitale Streetwork gegen Hatespeech – mit methodischer Gegenrede und technischer Unterstützung.

Hasskommentare in den sozialen Medien gelten auch in der Schweiz als wachsendes Problem. Sie verletzen Menschen, diskriminieren Gruppen und können nach Einschätzung der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) bis hin zu realer Gewalt beitragen. Gleichzeitig verschieben toxische Debatten die Grenzen des Sagbaren und schwächen die demokratische Gesprächskultur. Dagegen setzt das Forschungsprojekt «Social Influencer:in – Mit wirksamer Gesprächsführung gegen Hass im Netz» der ZHAW Soziale Arbeit an.

In dem auf drei Jahre angelegten Projekt arbeitet ein interdisziplinäres Team mit NCBI Schweiz und der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus zusammen. Ziel ist eine Form digitaler Streetwork, die auf Soft Counter Hate Speech setzt: Organisierte Gegenrede soll Hasskommentaren etwas entgegensetzen, ohne die Meinungsfreiheit einzuschränken.

Kern des Projekts sind 13 Social Influencer:innen, mehrheitlich Studierende der Sozialen Arbeit. Sie wurden in mehreren Modulen geschult, supervisorisch begleitet und technisch unterstützt. Auf zwei Social-Media-Plattformen sowie in den Kommentarspalten zweier Online-Zeitungen suchten sie nach toxischen und hasserfüllten Kommentaren und reagierten mit methodengeleitetem Counter Speech. Von September bis Dezember 2024 brachten sie so 4 443 gezielte Gegenreden ein.

Zum Einsatz kommen drei Kommunikationsmethoden: «Empathie: Analoge Perspektivenübernahme», «Alternative Narrative» und «DiQu: Fokus Diskursqualität». Je nach Situation setzen sie auf Perspektivenwechsel, positive Gegenbilder oder eine klar strukturierte, sachliche Ansprache, welche Grenzen des Sagbaren markiert und zu einem respektvollen Umgang aufruft.

Eine eigens entwickelte Browser-Extension mit Hate-Speech-Classifier hilft, problematische Inhalte zu erkennen und die Interventionen für die Begleitforschung zu dokumentieren. In einem nächsten Schritt soll sie Social Influencer:innen zusätzlich mit KI-basierten Antwortvorschlägen unterstützen.

Die Auswertung erster Datensätze zeigt: Der Ton in vielen Online-Diskussionen bleibt rau, doch die Methoden «Alternative Narrative» und «DiQu: Fokus Diskursqualität» führen häufiger zu neutral-sachlichen oder höflichen Reaktionen als empathische Gegenrede. Zugleich richtet sich der Ansatz bewusst nicht nur an die Verfasserinnen und Verfasser der Hassposts, sondern vor allem an die grosse Mehrheit der stillen Mitlesenden, deren Meinungsbildung von den Kommentaren geprägt wird.

Projektleiterin Judith Bühler betont, «Hatespeech untergräbt die Demokratie». Das Projekt wolle Gegenmodelle sichtbar machen: «Das Ziel des Projekts besteht darin, eine positive und konstruktive Diskussionskultur im digitalen Raum zu fördern.» Die Social Influencer:innen müssten für ihre anspruchsvolle Tätigkeit fair entlöhnt werden, hält Bühler fest, «So etwas macht man nicht einfach aus Goodwill.» Zugleich sieht sie Staat und Plattformbetreiber in der Verantwortung, Rahmenbedingungen zu schaffen, die demokratiefeindliche Hassrede eindämmen und digitale Formen der Sozialen Arbeit stärken.