Wie könnte die Schweiz am Ende des 21. Jahrhunderts aussehen? Mit dieser Frage haben sich Forschende der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL im Rahmen des Programms NCCS-Impacts beschäftigt. Herausgekommen sind fünf sogenannte «Shared Socioeconomic Pathways» für die Schweiz, kurz SSP-CH. Sie beschreiben unterschiedliche gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Entwicklungspfade bis ins Jahr 2100 und sollen als Grundlage für strategische Entscheidungen und Klimamodellierungen dienen.
Die Forschenden betonen, dass es sich nicht um Prognosen handle. «Das lässt sich nicht exakt voraussagen», sagt die WSL-Geographin Lena Gubler gemäss Mitteilung. «Dafür sind die Entwicklungen zu unvorhersehbar. Das System ist zu komplex, zu viele Faktoren greifen ineinander.» Ziel sei vielmehr, mögliche gesellschaftliche Entwicklungen sichtbar zu machen und deren Auswirkungen etwa auf Ressourcenverbrauch, Infrastruktur oder Treibhausgasemissionen zu untersuchen.
Die Studie lehnt sich an die globalen Szenarien des Weltklimarats IPCC an, entwickelt aber eigenständige Schweizer Varianten. Dabei wurden in einem mehrjährigen Prozess Gespräche mit knapp 60 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus rund 20 Hochschulen und Forschungseinrichtungen geführt sowie Workshops mit der Bevölkerung in der Deutsch- und Westschweiz durchgeführt. Der zugrunde liegende Bericht beschreibt die Szenarien als Ergebnis eines «umfassenden partizipativen Prozesses».
Entstanden sind fünf unterschiedliche Zukunftsbilder. Das Szenario «Die effiziente Schweiz» beschreibt ein technologisiertes, stark auf erneuerbare Energien ausgerichtetes Land mit moderatem Wirtschaftswachstum und hoher internationaler Vernetzung. Im Szenario «Die konfliktreiche Schweiz» hingegen dominieren wirtschaftlicher Niedergang, gesellschaftliche Spannungen und politische Isolation. Ein weiteres Szenario zeichnet eine stark gespaltene Gesellschaft mit wachsender Ungleichheit, während «Die ressourcenintensive Schweiz» von einer langen Abhängigkeit von fossilen Energieträgern ausgeht, die gegen Ende des Jahrhunderts in wirtschaftliche und ökologische Krisen führt.
Besonders hervor heben die Forschenden das Szenario «Die genügsame Schweiz». Darin stehen sozialer Zusammenhalt, Solidarität und reduzierter Konsum im Mittelpunkt. Die Bevölkerung sei lokal verwurzelt, der Energieverbrauch sinke deutlich und der Selbstversorgungsgrad bei Lebensmitteln und Energie steige. Zwar nehme der materielle Wohlstand ab, gleichzeitig sei das Wohlbefinden hoch. Dieses Szenario weicht laut Studie bewusst von bisherigen globalen Zukunftsmodellen ab, die meist weiterhin von Wirtschaftswachstum ausgehen.
Die Szenarien unterscheiden sich auch deutlich bei der Bevölkerungsentwicklung. Während die Wohnbevölkerung im Szenario «Die effiziente Schweiz» bis 2100 auf rund 11 Millionen Menschen ansteigen könnte, sinkt sie im Szenario «Die konfliktreiche Schweiz» laut Modellierung auf etwa 7,4 Millionen. Auch die wirtschaftliche Entwicklung verläuft unterschiedlich: Einige Szenarien gehen von weiterem Wachstum aus, andere von sinkender Wirtschaftsleistung und reduziertem Konsum.
Die SSP-CH sollen laut WSL künftig in Verwaltung, Forschung und Wirtschaft genutzt werden können, um Strategien robuster zu machen und politische Entscheidungen besser auf mögliche gesellschaftliche Entwicklungen abzustützen. Die Szenarien könnten etwa helfen, Risikoanalysen zu erstellen oder langfristige Infrastruktur- und Klimapolitiken zu prüfen. Ergänzend wurden unterschiedliche Klimapolitiken modelliert, sogenannte «Shared Policy Assumptions» (SPA), mit denen sich die Auswirkungen verschiedener klimapolitischer Eingriffe auf die Treibhausgasemissionen untersuchen lassen.
Die Forschenden stellen sämtliche Szenarien, Modellierungen und Datensätze online zur Verfügung. Damit solle, so die Mitteilung, eine «ganzheitliche Betrachtung möglicher Entwicklungen» ermöglicht werden.
