Draussen läuft der Regen über Asphalt und Stein, und über Dietikon schiebt sich immer wieder das Dröhnen eines Flugzeugs. Wer an diesem Dienstagnachmittag zwischen der reformierten Kirche und dem reformierten Kirchgemeindehaus steht, sieht erst einmal nichts Spektakuläres: ein Weg, eine Tür, ein Gebäude, das man auch an jedem anderen Wochentag passieren würde, ohne stehen zu bleiben.
Drinnen aber zeigt sich schon nach wenigen Schritten ein anderes Bild. Der grosse Saal ist in Bewegung. Tische stehen bereit, dazwischen Stühle, die sich schnell füllen. Auf der Bühne eine Kleiderbörse: Kleider, aufgereiht an Ständern, dazu Tische, an denen Dinge liegen, die man mitnehmen darf. Nicht als Waren, nicht als Angebot mit Preisschild, sondern als stille Einladung: Schau, nimm, was du brauchst. Daneben Bücher, CDs, DVDs. Weiter hinten eine Kaffeestation. Und überall Menschen, die sich zueinander drehen, sich etwas zeigen, sich etwas fragen, sich etwas erzählen.
Was hier entsteht, ist ein Ort, an dem sich Sprachen überlagern, an dem ein Lächeln manchmal mehr sagt als ein sauber formulierter Satz. Menschen aus dem Kosovo und aus der Ukraine, Menschen aus Afrika und aus vielen anderen Orten treffen auf Seniorinnen und Senioren aus der Schweiz. Dazwischen Kinder. Und Freiwillige, die zwischen Kaffeekanne, Kleiderständer und Gesprächsfetzen hin- und hergehen.
Die erste Folge von „glaubwürdig“ beginnt mit einem Satz, der wie ein Schild über dem Eingang hängt, auch wenn er nirgends hängt: „Glaubwürdig, kirchlich engagiert, gesellschaftlich relevant.“ Genau hier, in diesem Saal, bekommt er ein Gesicht.
Ein Platz am Tisch, der nach Dienstag klingt
Es dauert nicht lange, bis sich ein Gespräch ergibt. Vielleicht, weil die Atmosphäre „sehr herzlich und einladend“ ist, wie es vom Redaktor heisst. Vielleicht auch, weil es an solchen Orten ein bisschen weniger Mut braucht, jemanden anzusprechen. Eine junge Frau sitzt am Tisch, und es ist spürbar: Sie ist nicht nur zufällig hier. Sie ist daheim, auf ihre Weise. Blerina heisst sie, und sie kommt regelmässig.
Sie erzählt, wie sie hierher gefunden hat, wie lange sie schon kommt, was ihr dieser Ort ist. Es sind keine perfekt ausformulierten Sätze, eher Worte, die sich ihren Weg bahnen – wie Menschen, die ankommen und noch prüfen, ob sie bleiben dürfen. Und doch ist die Richtung klar: Sie kommt, um zu atmen, um zu reden, um zu lernen, um zu helfen. Sie kommt, weil hier etwas möglich ist, das draussen oft schwer ist: unkompliziert da sein.
Dienstag. Das klingt banal, fast komisch, als wäre es nur ein Wochentag. Aber in ihrer Stimme wird es zu einer Verabredung mit dem Leben. Manchmal, sagt sie, hat sie „keine Zeit“, dann kommt sie „nur 30 Minuten schnell“ vorbei. Kaffee trinken, kurz reden, wieder gehen. So, als müsse sie sich vergewissern, dass dieser Ort noch da ist – und dass sie auch noch dazugehört.
Ein paar Tische weiter winkt eine andere Frau. Sie kommt nicht jede Woche. Manchmal einmal im Monat, zusammen mit ihrer Schwägerin. Sie schaut, was es gibt, lernt Leute kennen, verbessert die Sprache. Es klingt nach vorsichtigem Annähern, nach einem Erkunden: Was kann ich hier? Was kann ich werden? Es ist ein Satz, der hängen bleibt, weil er so nüchtern daherkommt und doch eine ganze Hoffnung in sich trägt: Wer Deutsch lernt, sagt sie, kann später vielleicht einen Job finden. Und irgendwo zwischen Kleiderstange und Kaffeetasse fällt ein Wort, das man sonst aus Bewerbungstrainings kennt, nicht aus Kirchgemeindesälen: Vitamin B.
Im Café Mitenand ist es nicht das Vitamin, das man schluckt. Es ist das Vitamin, das entsteht: Beziehung. Ein Kontakt, ein Gespräch, eine Telefonnummer, die man sich traut zu speichern. Ein kurzer Moment, in dem jemand merkt, dass er oder sie mehr ist als eine Akte, mehr als eine Herkunft.
Hinter der Kleiderbörse: Kharkiv im Gepäck, ein Dienstag als Halt
Wer dem Geschehen folgt, landet irgendwann dort, wo es nicht mehr nach Kuchen duftet, sondern nach Stoff, Karton und Arbeit. Im Kleidersortierraum steht Ina. Sie kommt aus der Ukraine. Seit acht Monaten hilft sie mit, vor allem bei der Kleiderbörse. Früher hat sie hier den Deutschkurs besucht. Jetzt ist sie Teil derer, die dafür sorgen, dass andere finden, was sie suchen .
Ina spricht darüber, warum sie kommt. Es geht um helfen, sortieren, vorbereiten. Es geht auch ums Übersetzen, weil „viele Leute“ sonst „fast nichts“ verstehen. Und es geht um einen Ort, der für sie mehr ist als eine Veranstaltung. Für Ina ist dieser Raum eine Art zweite Heimat im Kleinen. Ein Treffpunkt, an dem sie nicht nur Gast ist, sondern gebraucht wird.
Wenn sie von den Geschichten der Menschen spricht, wird es stiller. Weil sie etwas sagt, das jeder Raum sofort versteht, egal welche Sprache man spricht: Dass Menschen etwas mitbringen, das schwer ist. Dass man nicht einfach eine Grenze überquert und dann ist alles gut. Ina nennt Kharkiv, ihren Heimatort, an dem sie nicht mehr leben kann.
Und dann erzählt sie, was hier möglich wird. Teilen, reden, etwas Gutes machen. Nicht als grosse Therapie, nicht als offizielles Beratungssetting. Eher als Alltag, der ein bisschen anders ist: Menschen sitzen zusammen, trinken Kaffee, sortieren Kleidung, helfen einander – und nebenbei ordnet sich etwas im Inneren.
Ina sagt, dass sie immer wieder sucht, was sie für andere tun kann. Sie erzählt, wie ukrainische Leute sie eingeladen haben, „ein bisschen zu helfen“. Zugehörigkeit. „Wir fühlen hier uns als eine Familie.“ Und vielleicht ist genau das das Berührende: dass das grosse Wort Familie hier nicht als Etikett gebraucht wird, sondern als Beschreibung eines Gefühls, das sich im Kleinen bildet.
Sie spricht von Freundinnen und Freunden, von Freiwilligen, von einem Zusammensein, das nicht nur Zeit füllt, sondern Würde gibt. Und dann fasst sie es in einem Satz zusammen: „Das ist wie eine Integration, unsere Integration.“ Integration nicht als Forderung von aussen, nicht als Messlatte. Sondern als Erfahrung: Ich kann hier etwas beitragen. Ich bin nicht unsichtbar. Ich bin wichtig.
Wenn Seniorinnen und Senioren bleiben, weil Gespräche bleiben
Der Blick wandert zurück in den Saal. Zwischen den Stimmen, den Bewegungen, dem Klirren von Tassen sitzt Margrith. Sie ist aus der Schweiz und kommt regelmässig. Eine Frau nahm sie einmal mit – und dann sei sie „hängen geblieben“.
Margrith beschreibt, was sie hier hält: Gespräche. „Es ist es ist einfach gut reden miteinander.“ Wer älter wird, sagt sie, braucht das: Abwechslung, nicht stur. Ein bisschen Spielen mit den Kindern. Ein bisschen Hintergrund, ein bisschen Leben.
Sie spricht über das Programm, über das Gestalten, über das Helfen. Und man spürt: Es geht ihr nicht um Konsum. Es geht um einen Rhythmus. Um einen Dienstag, der verhindert, dass eine Woche in vier Wänden zerfliesst. Um das Gefühl, verstanden zu werden. „Es gibt immer Abwechslung.“ Einsamkeit hat nicht nur mit Alleinsein zu tun. Sie hat mit dem Fehlen von Beziehungen zu tun, die einen tragen, ohne dass man darum bitten muss.
Im Café Mitenand sitzen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, unterschiedlichen Generationen, unterschiedlichen Lebenslagen. Gerade diese Mischung scheint etwas zu lösen. Einheimische treffen auf Menschen mit Migrationsgeschichte. Jüngere auf Ältere. Wer neu ist, schaut zuerst. Wer länger da ist, rückt ein bisschen zur Seite und macht Platz.
„Der Kern ist immer noch Gemeinschaft“
Am Ende führt der Weg zu Miriam Trachsel. Sie ist Sozialdiakonin der reformierten Kirche Dietikon und verantwortet das Café Mitenand. Sie erzählt, wie sich das Angebot entwickelt hat. Dass man gemerkt habe: Im Bereich Soziales gibt es vieles für Seniorinnen und Senioren, für Kinder, für Jugendliche – aber zu wenig für Geflüchtete sowie Migrantinnen und Migranten. Für eine Stadt wie Dietikon, habe es nahegelegen, dass es so einen Platz braucht. Ein Ort zum Ankommen, zum Vernetzen, zum Aufbauen.
Mit den Jahren sei das Café gewachsen. Kleiderbörse, Lebensmittel, Deutschkurs, Begegnung. Doch zwischen all den Elementen bleibt für Miriam Trachsel eines unverrückbar. Sie sagt: „aber der Kern ist immer noch Gemeinschaft“. Menschen kommen vielleicht wegen eines Kurses oder wegen Unterstützung. Und dann bleiben sie, weil sie jemanden kennen. Weil sie gesehen werden. Weil aus einem Bedürfnis eine Beziehung wird.
Miriam Trachsel spricht davon, was sie am meisten begeistert. Es sind Begegnungen, die man nicht erzwingen kann. Sie erzählt von älteren Menschen aus der Stammkundschaft und von einem jungen Mann aus Pakistan, der sich ohne Familie zu ihnen setzt, mit ihnen spielt, mit ihnen schwätzt,.
Es sind Beziehungen, die im Alltag sonst oft nicht passieren, weil das Leben schneller ist als die Neugier. Im Café Mitenand ist dieser Rahmen gesetzt: Du darfst dich setzen. Du darfst fragen. Du darfst bleiben. Und manchmal passiert dann etwas, das man nicht als „Projektziel“ formulieren kann: Menschen blühen auf. Miriam Trachsel beschreibt Wege von Menschen, die am Anfang „völlig verloren wirken“, gerade Ukrainerinnen, die vom Krieg überrumpelt wurden. Sie erzählt davon, wie sie Deutsch lernen, Bewerbungen schreiben, eine Stelle bekommen. Und sie erzählt auch von der anderen Seite: von hochqualifizierten Menschen, die lange keine Arbeit finden. Von dem, was es bedeutet, das auszuhalten, mitzuziehen, nicht zu vertrösten.
„Seelsorge by the way.“ Seelsorge nebenbei, zwischen Kaffeetasse und Kleiderstapel. Nicht als offizielles Gespräch hinter einer Tür mit Schild. Sondern als aufmerksames Dasein, wenn jemand erzählt, dass eine Verwandte krank ist. Wenn jemand sagt, dass es zu Hause nicht gut geht. Wenn jemand fünf Wochen in der Wohnung sass und einfach wieder unter Menschen muss.
Wer an diesem Dienstag wieder nach draussen tritt, nimmt das Dröhnen der Flugzeuge wieder wahr und den Regen, der vielleicht noch immer fällt. Aber der Saal bleibt im Kopf: die Tische, die Kleider, die Bücher, die Stimmen. Vielleicht ist das Café Mitenand gerade deshalb so stark: weil es nichts beweisen muss. Es öffnet einfach. Jeden Dienstag. Und lässt zu, dass Menschen einander begegnen.
