Mit einem Meer aus bunten Bannern und Traktoren zogen am 17. Januar 2026 Tausende durch Berlin: Die Grossdemonstration „Wir haben es satt!“ forderte eine sozial gerechte Agrarwende. Im Zentrum stand in diesem Jahr die Rolle der Frauen. Brot für die Welt – das Hilfswerk der evangelischen Kirchen in Deutschland – beteiligte sich gemeinsam mit rund 50 weiteren Organisationen an dem Protest. Unter dem Motto des Internationalen Jahres der Frauen in der Landwirtschaft lenkten sie den Blick auf eine oft unsichtbare, aber entscheidende Tatsache: Frauen leisten in vielen Ländern des Globalen Südens den Grossteil der landwirtschaftlichen Arbeit – vom Säen über die Ernte bis zur Weiterverarbeitung – und tragen die Hauptverantwortung für die Ernährung ihrer Familien. Dennoch fehlt ihnen häufig der gleichberechtigte Zugang zu Ressourcen. Nur selten besitzen Bäuerinnen eigenes Land oder können Kredite und Saatgut erhalten. Zugleich schultern sie den Löwenanteil der unbezahlten Haus- und Sorgearbeit. Diese strukturellen Benachteiligungen engen ihre Handlungsspielräume massiv ein.
Dagmar Pruin, die Präsidentin von Brot für die Welt, brachte es anlässlich der Demonstration auf den Punkt: „Ohne Geschlechtergerechtigkeit kann der Hunger nicht überwunden werden“, sagte sie. Diese Aussage ist mehr als ein kämpferischer Slogan – sie spiegelt eine Erkenntnis wider, die inzwischen von zahlreichen Studien und internationalen Organisationen geteilt wird. Frauen sind „Schlüsselakteurinnen im Einsatz gegen den Hunger sowie für den Erhalt landwirtschaftlicher Flächen“, betonte Pruin weiter. Mit anderen Worten: Eine Welt ohne Hunger ist untrennbar verknüpft mit einer Welt, in der Frauen dieselben Rechte und Möglichkeiten haben wie Männer.
Doch wie steht es aktuell um die globale Hungerbekämpfung? Und welche Rolle spielen gerechtere Geschlechterverhältnisse dabei konkret? Ein Blick auf die neuesten Berichte und Zahlen zeigt sowohl alarmierende Trends als auch hoffnungsvolle Ansätze. Zudem lohnt sich die Frage, welche Verantwortung Länder wie die Schweiz, Deutschland, Österreich und Frankreich – und speziell die kirchlich-diakonischen Akteure – in diesem Zusammenhang tragen.
Globale Hungersituation: Rückschläge und Ursachen
Die Weltgemeinschaft hat sich mit den UNO-Nachhaltigkeitszielen viel vorgenommen: Bis 2030 soll kein Mensch mehr Hunger leiden. Doch die Realität steuert in eine andere Richtung. Seit 2014 steigt die Zahl der Hungernden wieder an. Aktuell, im Jahr 2024, leiden rund 673 Millionen Menschen chronisch Hunger, etwa jeder Elfte weltweit. In den Ländern Afrikas südlich der Sahara ist es gar jeder Fünfte. Besonders tragisch: Etwa 150 Millionen Kinder unter fünf Jahren sind aufgrund chronischer Unterernährung in ihrem Wachstum gehemmt – ein frühes Anzeichen dafür, dass ihnen das Nötigste fehlt. Und obwohl es keine exakten Statistiken gibt, wird geschätzt, dass jedes Jahr an die 9 Millionen Menschen an den Folgen von Hunger sterben.
Wenn kein grundlegendes Umdenken erfolgt, droht das Versprechen „Zero Hunger bis 2030“ zu scheitern. Prognosen der Vereinten Nationen rechnen damit, dass in vier Jahren bis zu 840 Millionen Menschen von Hunger betroffen sein könnten. Der jährliche Welthunger-Index 2025 zeichnet ein ähnliches Bild: Seit 2016 hat sich die globale Ernährungslage kaum verbessert – der Indexwert ging nur minimal zurück, und in 27 Ländern ist die Situation heute schlechter als damals. Setzt sich dieser Trend fort, wird die Welt ihr selbstgestecktes Ziel deutlich verfehlen. Rechnerisch würde es in diesem Tempo über ein Jahrhundert dauern (bis ins Jahr 2137), den Hunger weltweit auf ein niedriges Niveau zu reduzieren. Mit jedem Jahr, das vergeht, droht das Versprechen einer Welt ohne Hunger unerfüllt zu bleiben.
Woran liegt es, dass Hunger trotz technischem Fortschritt und ausreichender Nahrungsmittelproduktion noch immer so verbreitet ist? Expertinnen und Experten verweisen auf eine ganze Reihe struktureller Ursachen. An erster Stelle stehen Kriege und bewaffnete Konflikte, die Ernten vernichten, Menschen vertreiben und ganze Regionen destabilisieren. Allein im letzten Jahr lösten gewaltsame Konflikte in rund 20 Ländern akute Hungerkrisen aus. Hinzu kommt die Klimakrise: Dürren, Überschwemmungen und Wetterextreme treffen vor allem ärmere Länder, in denen viele Menschen von der Landwirtschaft leben, und führen zu Ernteausfällen in ohnehin fragilen Ernährungssystemen. Drittens spielt die wirtschaftliche Ungleichheit und Instabilität eine Rolle – Schuldenkrisen, Inflation und Handelskrisen haben in vielen Ländern die Preise für Grundnahrungsmittel in die Höhe getrieben. Für einkommensschwache Familien ist der tägliche Teller Reis oder Maisbrei zum Luxusgut geworden. Und schliesslich fehlt es oft am politischen Willen: Ernährungssicherung und ländliche Entwicklung haben in zahlreichen Staaten – und auch bei manchen Geberländern – keine ausreichende Priorität. Dies zeigt sich etwa daran, dass inmitten wachsender Hungersnöte die Mittel für Entwicklungszusammenarbeit oder humanitäre Ernährungshilfe gekürzt werden, während Militärausgaben steigen. Diese Schieflage entzieht wichtigen Anti-Hunger-Initiativen Ressourcen und wird von Fachleuten als Teil einer „Polykrise“ bezeichnet – einem Teufelskreis, in dem Konflikte, Klimawandel, wirtschaftliche Schocks und politische Untätigkeit sich gegenseitig verstärken.
Dabei ist eine zentrale Erkenntnis entscheidend: Hunger ist kein unvermeidbares Naturphänomen, sondern menschengemacht. Es werden global genug Nahrungsmittel produziert, um rein rechnerisch alle Menschen zu ernähren. Die Getreidelager der Welt sind heute etwa ein Drittel voller als noch vor zehn Jahren. Trotzdem hungern Hunderte Millionen – nicht wegen eines Mangels an Kalorien, sondern wegen fehlendem Zugang und fehlender Verteilungsgerechtigkeit. Armut, Ausgrenzung und Machtstrukturen entscheiden darüber, wer satt wird und wer nicht. So haben sich die Verhältnisse verschoben: Während es an Grundnahrungsmitteln insgesamt keinen absoluten Mangel gibt, können sich Milliarden Menschen keine ausgewogene und nährstoffreiche Ernährung leisten. Derzeit bleibt etwa 2,6 Milliarden Menschen – knapp ein Drittel der Weltbevölkerung – eine gesunde, vielfältige Ernährung verwehrt, weil Obst, Gemüse, Proteine oder Milchprodukte für sie unbezahlbar sind. Diese „versteckte“ Form von Hunger (Mangelernährung trotz genügend Kalorien) ist ebenso alarmierend: Ein Mangel an Vitaminen und Mineralstoffen führt zu schweren Gesundheitsproblemen, von Entwicklungsschäden bei Kindern bis zu hoher Anfälligkeit für Krankheiten.
Die globalen Trends machen deutlich: Es besteht dringender Handlungsbedarf. Frühere Erfolge in der Hungerbekämpfung – etwa die Rückgänge bis 2015 – drohen ins Gegenteil zu kippen. Doch gleichzeitig ist klar, dass Hunger kein Schicksal ist. Mit den richtigen politischen Entscheidungen und einem Fokus auf Gerechtigkeit kann der Trend gebrochen werden. Ein Schlüsselbereich dabei ist die Gleichberechtigung der Geschlechter in Landwirtschaft und Ernährungssystemen.
Frauen: Leistungsträgerinnen mit geringer Landmacht
Weltweit sind Frauen aus dem ländlichen Raum unverzichtbar für die Ernährungssicherung. Das wird inzwischen durch zahlreiche Daten untermauert. Laut FAO produzieren Frauen in Entwicklungsländern zwischen 60 und 80 % der Nahrungsmittel – insgesamt etwa die Hälfte der weltweiten Lebensmittelproduktion. Mit anderen Worten: Jeder zweite Teller, der irgendwo auf der Welt auf den Tisch kommt, ist massgeblich der Arbeit von Frauen zu verdanken. Diese enorme Leistung wird jedoch oft weder gesehen noch gerecht entlohnt. Frauen verfügen global über weit weniger Land als Männer – weniger als ein Fünftel des Agrarlandes gehört ihnen. In vielen Gemeinden können Frauen Land nur über Ehemänner oder männliche Verwandte nutzen. Rechtliche und kulturelle Hürden verhindern, dass Frauen gleichberechtigt Eigentum erwerben oder erben. Auch beim Zugang zu Krediten, Bildungsangeboten, Beratung und Technik sind Frauen benachteiligt. Die Folge: Weibliche landwirtschaftliche Betriebe bleiben oft kleiner und weniger produktiv, als sie mit gleichen Ressourcen sein könnten.
Diese Ungleichheit ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern bremst auch den Kampf gegen den Hunger. Studien der Vereinten Nationen zeigen eindrücklich, welches Potenzial brachliegt: Wenn Frauen dieselben Produktionsmittel und Ausbildungschancen erhielten wie Männer, könnten die Ernteerträge um 20–30 % steigen – und die Zahl der Hungernden weltweit um bis zu 17 % sinken. Das sind gewaltige Effekte. Dahinter steht ein einfacher Mechanismus: Frauen investieren Einkommen überproportional in die Ernährung, Gesundheit und Bildung ihrer Familien. Jede zusätzliche Ernte, die sie erwirtschaften, kommt direkt der Gemeinschaft zugute. Frauen zu stärken, heisst daher ganze Dorfgemeinschaften zu stärken – und den Hunger von unten her aufzubrechen.
Brot für die Welt und andere Organisationen fordern deshalb, Frauen in ländlichen Regionen endlich gleichzustellen. Die eingangs erwähnte Demo in Berlin stand exemplarisch dafür. Dort wurde gefordert, Bäuerinnen gleichberechtigt an allen Entscheidungen in der Landwirtschaft zu beteiligen – von der Auswahl der Anbaumethoden und Fruchtfolgen bis zum Einsatz von Pestiziden. Es geht um Mitsprache darüber, was angebaut wird und wie es angebaut wird, denn genau hier werden die Weichen gestellt: Setzt eine Gemeinde auf vielfältige Nahrungspflanzen oder auf Monokulturen für den Export? Werden Pestizide versprüht oder ökologische Methoden genutzt? Solche Entscheidungen müssen Frauen mittreffen können, weil sie die Hauptbetroffenen und zugleich Hauptakteurinnen sind.
Ermutigende Signale kommen inzwischen auch von der internationalen Politik. Deutschland hat im Welternährungsausschuss der UN (CFS) massgeblich an neuen Leitlinien zur Gleichstellung der Geschlechter mitgearbeitet. Diese freiwilligen Leitlinien zur Stärkung von Frauen und Mädchen in Ernährungssystemen wurden 2023 beschlossen und setzen wichtige Ziele: Dazu gehört beispielsweise, dass Frauen gleichberechtigten Zugang zu Land, Saatgut und Märkten erhalten sollen und ihre Perspektiven in allen Gremien gehört werden. Nun steht die Umsetzung an – nicht nur in Deutschland. Regierungen weltweit, auch in Ländern wie der Schweiz, Österreich und Frankreich, sind aufgefordert, diese Prinzipien in ihre Entwicklungsprogramme und agrarpolitischen Strategien einzubetten. Brot für die Welt mahnt, dass die Bundesregierung hier in der Pflicht ist, den schönen Worten Taten folgen zu lassen. Ähnliches gilt für andere Geberstaaten. Die sogenannte feministische Entwicklungspolitik, die Deutschland seit 2022 verfolgt, und vergleichbare Ansätze in Frankreich oder Kanada sind Schritte in die richtige Richtung. Sie müssen sich konkret darin niederschlagen, dass mehr Gelder gezielt in Frauenförderung fliessen. So fordert ein Positionspapier von Brot für die Welt und Partnerorganisationen, dass mindestens 20 % aller landwirtschaftlichen Projekte explizit die Förderung von Frauen in den Mittelpunkt stellen. Gleichzeitig sollten spezielle Programme aufgelegt werden, die Agrarökologie und Gendergerechtigkeit verbinden und die Arbeit feministischer Frauenorganisationen unterstützen. Solche Investitionen sind kein „nice to have“, sondern – wie die Präsidentin von Brot für die Welt sagt – der Schlüssel, um den Hunger wirksam zu bekämpfen.
Agrarökologie: Mehr Nachhaltigkeit und Teilhabe
Doch wie kann eine Landwirtschaft aussehen, die sowohl umweltverträglich als auch gerecht und inklusiv ist? Eine Antwort darauf lautet: Agrarökologie. Dieses Konzept, das von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern rund um den Globus seit Jahren vorangetrieben wird, verbindet ökologische Nachhaltigkeit mit sozialer Gerechtigkeit und demokratischer Teilhabe. Agrarökologie ist weit mehr als der Verzicht auf Chemie beim Anbau. Es ist ein Ansatz, der Klimaschutz mit den Erfahrungen der Menschen vor Ort zusammenbringt und lokale Nahrungssouveränität stärkt. Die Idee dahinter: Bauernfamilien sollen im Zentrum der Entscheidungen stehen – nicht agroindustrielle Konzerne oder anonyme Weltmärkte. Wenn Gemeinschaften selbst bestimmen können, was sie anbauen und wie sie wirtschaften, gewinnen sie Kontrolle über ihre Lebensgrundlagen zurück. Das schafft Widerstandsfähigkeit gegenüber Krisen. „Agrarökologie stärkt lokale demokratische Prozesse, weil sie Menschen einbezieht, statt über sie hinweg zu entscheiden“, heisst es im neuesten Positionspapier von Brot für die Welt. Zudem macht Agrarökologie Ernährungssysteme widerstandsfähiger, indem sie Abhängigkeiten verringert und Ressourcen gerechter verteilt – etwa durch lokale Vielfalt statt globaler Einheitsfrüchte. Und nicht zuletzt fördert agrarökologisches Wirtschaften die Biodiversität und schont Böden und Wasser, was angesichts des Klimawandels zentral ist.
Für Brot für die Welt ist Agrarökologie deshalb „ein zentraler Hebel, um Ernährungssysteme widerstandsfähiger zu machen und Abhängigkeiten zu reduzieren“. Sie wird als echtes Transformationskonzept verstanden – kein Nischenprojekt für Öko-Enthusiasten, sondern ein Schlüssel zur weltweiten Umsetzung des Rechts auf angemessene Nahrung und für eine zukunftsfähige Welt. Wichtig an der Agrarökologie ist auch: Sie stellt bestehende Machtverhältnisse in Frage – nicht nur zwischen Arm und Reich oder Nord und Süd, sondern auch zwischen den Geschlechtern. Viele Verfechterinnen sprechen deshalb von feministischer Agrarökologie, die explizit die Perspektiven von Frauen integriert. Tatsächlich zeigen Erfahrungen: Wenn Frauen in agrarökologischen Initiativen eine Führungsrolle übernehmen, profitieren alle. Ihre Kenntnisse über lokale Pflanzen, traditionelle Sorten und nachhaltige Haushaltsführung tragen wesentlich zum Erfolg solcher Projekte bei.
Ein Beispiel liefert das Netzwerk von Kleinbauern und -bäuerinnen im Nordosten Brasiliens, das Brot für die Welt gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen unterstützt. Dort, in der semiariden Region des Bundesstaates Paraíba, hat sich eine starke Frauenbewegung innerhalb der agrarökologischen Bewegung entwickelt. Jedes Jahr organisieren Aktivistinnen zum Internationalen Frauentag am 8. März einen „Marsch für das Leben der Frauen und für die Agrarökologie“. Zuletzt zogen 5’000 Bäuerinnen durch die Gemeinden, prangerten Gewalt und Unterdrückung an und entwickelten Strategien, um gegen den allgegenwärtigen Machismo anzugehen. Dieses eindrucksvolle Signal zeigt Wirkung: In den Jahren 2024 und 2025 – parallel zum von Brot für die Welt geförderten Projekt „Zukunft gestalten“ – ist der Frauenmarsch zu einer einflussreichen politischen Kraft gewachsen. Vertreterinnen der Bewegung brachten ihre Kritik und Forderungen in regionale Nachhaltigkeitskonferenzen ein und mischten sich erfolgreich in Debatten über Umwelt- und Ernährungspolitik ein. Die Präsenz der Frauen in diesen Gremien hat dazu beigetragen, dass lokale Behörden den Wert agrarökologischer Praktiken anerkennen und unterstützen – ein wichtiger Erfolg in einer von Dürre geplagten Region.
Neben solchen Protestaktionen setzt die agrarökologische Bewegung vor Ort auf praktische Verbesserungen für Familien. 365 Bäuerinnen wurden allein im Jahr 2025 durch spezielle Programme („ATER Mulheres Rurais“ – ländliche Beratung für Frauen – und „Quintais das Margaridas“ – Hausgärten-Projekt) geschult und beraten, um nachhaltige Anbaumethoden umzusetzen. Dadurch steigerten sie Erträge in ihren Hausgärten, diversifizierten die Produktion und verbesserten die Ernährung ihrer Haushalte. Gleichzeitig entstanden neue Vermarktungschancen: In der Kleinstadt Juazeirinho wurde etwa ein agrarökologischer Wochenmarkt wiederbelebt, bei dem Frauen eine führende Rolle spielen. 79 % der teilnehmenden Liefernden waren Bäuerinnen, die dort insgesamt 16 verschiedene Lebensmittelarten – von Honig über Bohnen bis Sesam – zu fairen Preisen an öffentliche Sozialprogramme verkaufen konnten. Diese Initiative schafft doppelten Nutzen: Sie verschafft den Frauen Einkommen und Unabhängigkeit und versorgt zugleich Kinder in Schulen und Betreuungseinrichtungen mit nahrhaften, lokal produzierten Lebensmitteln. Das Beispiel aus Brasilien illustriert, wie Agrarökologie und Frauenförderung Hand in Hand gehen können. Wo Frauen ihre Rechte einfordern und Unterstützung erhalten, gedeihen innovative Lösungen gegen Hunger und Armut.
Solche Erfolgsgeschichten gibt es vielerorts – von Indien bis Senegal, von den Philippinen bis Guatemala. Sie machen Mut, denn sie zeigen: Die Gleichung „Mehr Gleichberechtigung = weniger Hunger“ funktioniert in der Praxis. Doch damit aus verstreuten Projekten ein globaler Wandel wird, braucht es Rückenwind aus der Politik und der Gesellschaft insgesamt. Hier kommen auch Länder wie die Schweiz, Deutschland, Österreich und Frankreich ins Spiel.
Verantwortung in Europa: Schweiz, Deutschland, Österreich, Frankreich
In der Schweiz, in Deutschland, in Österreich und in Frankreich muss heute niemand mehr Hunger leiden – zumindest nicht in dem Sinn, wie er in ärmeren Ländern auftritt. Soziale Sicherungssysteme, ein hoher Lebensstandard und Überschüsse an Nahrung sorgen dafür, dass Ernährungssicherheit innerhalb Europas grösstenteils gegeben ist. Doch gerade deshalb tragen diese Wohlstandsgesellschaften eine besondere Verantwortung im globalen Kampf gegen den Hunger. Als grosse Geberländer in der Entwicklungszusammenarbeit, als wichtige Akteure in Handels- und Agrarpolitik und nicht zuletzt als christlich geprägte Gemeinwesen mit humanitären Werten können und müssen sie dazu beitragen, Geschlechtergerechtigkeit und Ernährungssouveränität weltweit voranzubringen.
Deutschland hat in den letzten Jahren einige Kursänderungen eingeleitet. Die Bundesregierung verfolgt offiziell eine feministische Aussen- und Entwicklungspolitik, die Gleichstellung zum Leitprinzip macht. In der Praxis bedeutet das zum Beispiel, dass das Entwicklungsministerium (BMZ) mehr Mittel in Projekte investieren will, die Frauen fördern – etwa in Bildung, Gesundheit, aber auch explizit in landwirtschaftlichen Programmen. Ein grosser Teil der Agrarförderung soll künftig kleinbäuerlichen Betrieben, von denen viele von Frauen geführt werden, zugutekommen. Brot für die Welt begrüsst diese Ausrichtung, mahnt aber, dass bisherige Ansätze oft noch zu zögerlich sind. Ein Prüfstein wird die Umsetzung der oben erwähnten CFS-Leitlinien sein: Hier steht Deutschland als Mit-Initiator in der Pflicht, binnen- und ausländisch für Frauenrechte im Ernährungssystem einzutreten. Die Zivilgesellschaft macht weiterhin Druck – nicht nur am Verhandlungstisch, sondern auch auf der Strasse. Die „Wir haben es satt!“-Demonstrationen in Berlin, an denen sich auch kirchliche Organisationen wie Brot für die Welt und Diakonie Deutschland beteiligen, sind ein Ausdruck dieses Drucks. Sie richten sich gegen eine Agrarpolitik, die lange Zeit industrielle Massentierhaltung und Exportorientierung begünstigte, und fordern eine Wende hin zu nachhaltiger, kleinbäuerlicher Landwirtschaft. Geschlechtergerechtigkeit ist dabei zu einem integralen Bestandteil der Forderungen geworden – erkennbar an der prominenten Rolle, die das Thema Frauen in der Landwirtschaft in diesem Jahr einnahm. Es geht darum, benachteiligte Gruppen sichtbar zu machen und strukturelle Veränderungen anzustossen, damit die Landwirtschaft sozialer und ökologischer wird.
In Frankreich sind ähnliche Entwicklungen zu beobachten. Die französische Regierung hat bereits 2018 eine Strategie für eine „feministische Aussenpolitik“ angekündigt und betont seither in internationalen Foren immer wieder die Bedeutung von Frauen für die Ernährungssicherung. Französische Diplomatinnen wiesen bei der FAO und im Welternährungsprogramm der UNO darauf hin, dass ohne die Stärkung der Landwirtinnen kein nachhaltiger Fortschritt möglich sei. Frankreich engagiert sich – oft gemeinsam mit Deutschland – in Initiativen, die Frauen und Mädchen den Zugang zu Nahrung, Bildung und Gesundheit erleichtern sollen. So unterstützen beide Länder z.B. Programme in Westafrika und Südostasien, die Schulspeisungen mit der Förderung lokaler Bäuerinnen verbinden. Das Konzept dahinter: Schülerinnen erhalten nahrhafte Mahlzeiten, was ihre Bildungschancen erhöht, und die Nahrungsmittel dafür werden bei Frauenkooperativen eingekauft, was Einkommen vor Ort schafft. Solche Projekte zielen darauf ab, den Kreislauf aus mangelnder Bildung, Armut und Hunger zu durchbrechen – und stets stehen Frauen im Zentrum der Lösung. Auch innerhalb Frankreichs gibt es Bewegung: Das Landwirtschaftsministerium in Paris hat einen „Plan für Agrarökologie“ lanciert, der bäuerliche Betriebe beim Umstieg auf umweltschonende Methoden unterstützt. Immer mehr Frauen in Frankreich übernehmen landwirtschaftliche Betriebe oder gründen Höfe mit agroökologischer Ausrichtung, was von der jüngsten Agrarzählung bestätigt wurde. Ihr Anteil in der aktiven Bauernschaft nimmt zu, und Netzwerke wie „Les Agricultrices“ verschaffen sich Gehör, um frauenbezogene Themen – von der sozialen Absicherung bis zur Vereinbarkeit von Hofarbeit und Familie – voranzubringen. Frankreichs NGOs, wie etwa CCFD-Terre Solidaire oder Action contre la Faim, thematisieren in ihren Bildungs- und Kampagnenarbeit ebenfalls die Genderaspekte des Hungers und fordern die französische Politik zu mehr Engagement in diesem Bereich auf.
In Österreich ist die Lage ähnlich: Weder Hunger noch extreme Armut stellen im Inland akute Probleme dar, doch das Land engagiert sich traditionell stark in der Entwicklungszusammenarbeit. Österreichische Hilfswerke – sowohl kirchliche wie die Caritas und die Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar, als auch säkulare Organisationen – legen einen Fokus auf die Unterstützung von Frauen in ländlichen Regionen. „Warum wir Frauen fördern müssen, um den Hunger zu besiegen“, unter diesem Titel veröffentlichte Caritas Österreich eine Informationsbroschüre, die klarstellt: Der Kampf gegen den Hunger ist nur dann erfolgreich, wenn Frauen gleichberechtigt teilhaben können. In Projekten der Caritas in Ostafrika oder im Nahen Osten werden daher gezielt Landwirtschaftstrainings für Frauen angeboten, um ihre Autonomie zu stärken. Die Erfahrung zeigt auch hier: Wenn Frauen etwa in der Sahelzone lernen, durch nachhaltige Techniken höhere Erträge zu erzielen und Überschüsse zu vermarkten, verbessert dies nicht nur die Ernährungslage, sondern auch ihren gesellschaftlichen Status. Österreichs staatliche Entwicklungsagentur ADA hat Gender-Mainstreaming als Querschnittsaufgabe definiert; viele Programme im Bereich ländliche Entwicklung beinhalten Komponenten zur Frauenförderung. Allerdings sind die Mittel der österreichischen Entwicklungshilfe im internationalen Vergleich relativ klein – umso wichtiger ist es, dass sie strategisch eingesetzt werden. Stimmen aus der österreichischen Diakonie und Caritas mahnen, dass auch handelspolitische Kohärenz nötig ist: Europäische Exportsubventionen oder Agrarabkommen dürfen nicht lokale Märkte in Afrika zerstören, auf denen gerade Frauen ihr Einkommen erwirtschaften. Hier besteht weiterhin Abstimmungsbedarf zwischen dem, was im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit gefördert wird, und dem, was wirtschaftspolitisch geschieht.
Und die Schweiz? Als Sitz zahlreicher internationaler Organisationen (vom Welternährungsprogramm bis zu UN Women) und als Land mit einer langen humanitären Tradition hat die Schweiz eine besondere Rolle. Schweizer Entwicklungsorganisationen, sowohl kirchliche wie HEKS/EPER (Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz) und Fastenaktion (ehemals „Brot für alle“), als auch staatliche Akteure der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), setzen seit Jahren auf das Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“ – und sehen dabei die Gleichstellung der Geschlechter als entscheidend an, um Hunger und Armut zu überwinden. In Ländern wie Burkina Faso, Kenia oder Bangladesch fördert man Frauenkooperativen, Ausbildungsprogramme und Mikrokredit-Initiativen für Bäuerinnen. Ein Beispiel aus einem Fastenaktion-Projekt in Burkina Faso: Dort lernte die Kleinbäuerin Oumou O. im Rahmen von Workshops, sich ihrer eigenen Fähigkeiten bewusst zu werden und ein kleines Agrarbusiness aufzubauen. Heute produziert sie Sheabutter und Seife, erzielt ein eigenes Einkommen und berichtet von gewachsenem Selbstbewusstsein und besserer Anerkennung in ihrer Familie. Solche Geschichten zeigen, was möglich wird, wenn Frauen auf Augenhöhe mitentscheiden und Zugang zu Ressourcen haben. Die schweizerischen Organisationen betonen, dass alle profitieren, wenn Frauen mitbestimmen können: Ihr Beitrag zu wirtschaftlichen, sozialen und politischen Entscheidungen trägt zu einer gerechten Zukunft ohne Hunger bei. Darum unterstützt die Schweiz auch Partnernetzwerke wie die Rural Women’s Assembly (RWA) im südlichen Afrika, eine Bewegung, die Kleinbäuerinnen eine Stimme auf internationaler Bühne verleiht. Vertreterinnen dieser Allianz konnten dank Schweizer Förderung schon mehrfach an UNO-Konferenzen teilnehmen und dort die Anliegen der Landfrauen einbringen. Damit wird deutlich: Gerade die Stimmen der Frauen aus dem Globalen Süden müssen gehört werden, wenn langfristig eine bessere und gerechtere Zukunft für alle erreicht werden soll.
Schliesslich ist die sozialdiakonische Arbeit in der Schweiz selbst von diesem Leitbild geprägt. Diakonie versteht sich als tatkräftige Nächstenliebe und Einsatz für Gerechtigkeit. In den Kirchgemeinden und Werken der Schweiz wird Geschlechtergerechtigkeit nicht nur global eingefordert, sondern auch lokal gelebt – sei es durch gleiche Löhne, Frauen in Führungspositionen oder die Sensibilisierung für Gleichstellungsfragen in der Bildungsarbeit. Diese innere Glaubwürdigkeit stärkt die diakonische Stimme nach aussen: Wenn Diakonie Schweiz und andere kirchliche Akteure Hunger und Armut in der Welt bekämpfen wollen, tun sie das aus dem Verständnis heraus, dass Gottes Liebe allen Menschen gilt und dass Gerechtigkeit ein zentraler Wert des Evangeliums ist. Geschlechtergerechtigkeit ist dabei kein „Randthema“, sondern steht im Kern der Vision einer „gerechten Welt ohne Hunger“.
Zukunft ohne Hunger braucht Geschlechtergerechtigkeit
Die Erkenntnis ist klar und wird von immer mehr Seiten betont: Geschlechtergerechtigkeit ist kein Nebenschauplatz, sondern die Voraussetzung dafür, den Hunger in der Welt langfristig zu besiegen. Über Jahrzehnte wurden Frauen in der Landwirtschaft übersehen – nun rücken sie ins Zentrum der Diskussion. Ohne die Fähigkeiten, das Wissen und die Mitsprache der Frauen werden wir die komplexen Krisen unserer Ernährungssysteme nicht lösen. Doch mit ihnen, das zeigen Beispiele rund um den Globus, sind nachhaltige Lösungen greifbar.
Dabei geht es nicht um eine romantische Verklärung der „bäuerlichen Frau“ als Heilsbringerin, sondern um handfeste Gerechtigkeit und Effizienz: Ressourcen dorthin lenken, wo sie am effektivsten genutzt werden. Frauen verfügen oft über tief verwurzeltes Wissen über lokale Saaten, Bodenpflege, Klimaanpassung und familiengerechte Ernährung. Dieses Potenzial müssen wir nutzen. Wenn eine Kleinbäuerin weiss, wie man mit agroökologischen Methoden den Ertrag ihres Gemüsegartens verdoppelt, profitiert die ganze Dorfgemeinschaft. Wenn eine Frau Entscheidungsmacht in einer Genossenschaft hat, werden Produkte eher die lokalen Bedürfnisse decken als nur dem fernen Markt dienen. Und wenn Frauen ein eigenes Einkommen haben, investieren sie es zum Wohl ihrer Kinder – gegen den Hunger von heute und morgen.
Die jüngsten Publikationen von Brot für die Welt – von der Analyse „Zukunft gestalten“ bis zum Positionspapier „Welternährung 2030“ – untermauern all dies mit Beispielen und Daten. Sie zeigen zugleich auf, dass wir einen systemischen Wandel brauchen: weg von einem Ernährungssystem, das auf Ausbeutung von Mensch und Natur beruht, hin zu einem System, das auf Rechten, Teilhabe und Nachhaltigkeit fusst. Agrarökologie, kombiniert mit feministischen Perspektiven, ist ein Weg dorthin. Er verbindet den Kampf gegen Hunger mit dem Einsatz für Klimaschutz, Biodiversität und soziale Gerechtigkeit.
Für die Leserinnen und Leser in der Schweiz – insbesondere in der kirchlich-sozialdiakonischen Arbeit – bedeutet das eine doppelte Herausforderung: Zum einen gilt es, im eigenen Umfeld das Bewusstsein wachzuhalten, dass unser Wohlstand mit der Verantwortung für die Schwächsten weltweit einhergeht. Aktionen wie die Fastenkampagne oder der ErnteDank-Gottesdienst können genutzt werden, um auf die Situation von Bäuerinnen im Globalen Süden aufmerksam zu machen. Zum anderen dürfen wir die politischen Hebel nicht ausser Acht lassen: Als Gesellschaft können wir von unserer Regierung einfordern, dass sie ausreichende Mittel für Entwicklungszusammenarbeit bereitstellt, diese sinnvoll einsetzt (etwa für agrarökologische Projekte) und international für faire Handelsbedingungen und Klimagerechtigkeit eintritt.
Die Vision einer Welt ohne Hunger ist fest in unserem Glauben und humanitären Selbstverständnis verankert. Sie wird greifbarer, je mehr wir verstehen, dass jede Form von Hungerbekämpfung immer auch eine Frage von Macht und Gleichberechtigung ist. Die alte Hunger-Metapher „Give a man a fish and you feed him for a day; teach a man to fish and you feed him for a lifetime“ müsste heute wohl heissen: Gib einer Frau Zugang zu Land, Bildung und Rechten – und sie ernährt ein ganzes Dorf für Generationen.
Die Frauen, die in den Dörfern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas tagtäglich ums Überleben ihrer Familien kämpfen, sind keine Hilfsempfängerinnen, sondern Hoffnungsträgerinnen. Wenn wir ihnen den Platz einräumen, der ihnen zusteht, ist eine Zukunft ohne Hunger nicht nur denkbar, sondern machbar – für Frauen und Männer, für alle Menschen.
