Kleider, die weiterziehen dürfen

Kleider, die weiterziehen dürfen

Ein Kleiderschrank, der kaum noch schliesst, ist der Anfang dieser Geschichte. Aus einem privaten Moment des Aussortierens wird eine Bewegung: weg vom Zuviel, hin zu einem Ort, an dem Dinge einen zweiten Umlauf bekommen – und Menschen einander begegnen. In Birr im Aargau führt der Weg hinunter in ein Untergeschoss, das hell wirkt, geordnet, überraschend weit. Dort liegt der Sinn nicht in der Ware allein. Er liegt im Dazwischen: in einer Bezugskarte, die auf Vertrauen basiert, in Preisen, die Entlastung bringen, in Kaffee, der Gespräche öffnet, und in Freiwilligenarbeit, die nicht nur gibt, sondern auch zurückgibt. Die Geschichte ist als Podcast in der Reihe „glaubwürdig“ zu hören. Ein Podcast von ERF Medien Schweiz in Zusammenarbeit mit der HF TDS Aarau, der Höheren Fachschule für Theologie, Diakonie, Soziales.

Ein Blick in den Kleiderschrank

Am Anfang steht ein Blick in einen Kleiderschrank – und ein kleines Geständnis: «Ich stehe vor meinem Kleiderschrank und muss zugeben, er ist wirklich ziemlich voll.» Ein Satz, der beiläufig klingt, fast entschuldigend, und doch sofort etwas trifft, das viele kennen. Man schiebt Kleider von links nach rechts, hängt sie zurück, schliesst die Tür ein wenig fester – bis irgendwann der Moment kommt, in dem das Verdrängen nicht mehr funktioniert. Dann liegt plötzlich ein Berg auf dem Bett: Pullover, Hosen, Jacken, Blusen. Dinge, die einmal zu einem Alltag gehörten und jetzt nur noch Platz belegen.

Es geht schnell, sagt die Stimme. Und in diesem Tempo steckt eine zweite Erkenntnis: Man braucht nicht lange, um festzustellen, was längst entschieden ist. Es ist nicht mehr passend. Nicht mehr schön. Nicht mehr «mein». Vielleicht auch nicht mehr bequem. Dann kann es eigentlich gerade so gut weiterziehen.»

Weiterziehen. Das Wort ist weich, fast freundlich. Es sagt nicht: weg damit. Es sagt: Es gibt eine nächste Station. Und mit dieser Station kommt sofort die praktische Frage, die in der Regel erst auftaucht, wenn die Säcke schon gepackt sind: «Woher damit?» Wohin mit dem, was im eigenen Leben keinen Platz mehr hat – ohne es einfach in die Entsorgung zu drücken?

Die Geschichte nimmt diesen Satz ernst und beantwortet ihn nicht mit einem Tipp, sondern mit einem Weg. Zwei Säcke wandern in den Kofferraum. Ein Montag, «ganz gemütlich», und eine Richtung: Birr, Kanton Aargau. Dort gibt es einen Secondhand-Laden, der auf Spenden angewiesen ist. Nicht als Lifestyle-Adresse für Nachhaltigkeit, sondern als Ort, der Menschen in finanziellen Schwierigkeiten entlasten soll. Hier startet die Folge des Podcasts “glaubwürdig”.

Birr ist kein Ort, der sich mit Neon ankündigt. Der Weg führt an die Wydenstrasse, in ein Wohnquartier, zwischen Blöcke, die nach Alltag aussehen. Auf dem Trottoir steht dann diese Tafel, handbeschriftet, freundlich direkt: «Treffpunkt Kleiderkarussell, offen.» Mehr braucht es nicht. Von der Strasse geht es ein kleines Stück hinunter. Es fühlt sich an, als würde man in einen Keller gehen. Dieses Hinuntergehen ist mehr als ein architektonisches Detail. Es hat etwas Symbolisches. Die Dinge, die sonst «unten» sind – Armut, Knappheit, Scham, die Sorge um die nächste Rechnung – liegen hier nicht im Dunkeln. Sie werden nicht ausgestellt. Sie werden aber auch nicht verdrängt. Man geht ihnen entgegen, ohne dass es dramatisch gemacht wird.

Hinter der schweren Eingangstür steht als Erste an diesem Nachmittag eine Frau, die aufschliesst: Maria Claudia Cavelti, ehrenamtliche Mitarbeiterin Das Aufschliessen ist ein Handgriff – und gleichzeitig ein Versprechen: Heute ist wieder möglich, was in vielen Haushalten gerade nicht möglich ist: einkaufen, ohne dass es weh tut.

Ein Laden, der nach Ordnung aussieht

Der erste Raum überrascht. Keine Kleiderstange, keine Brocki-Romantik. Stattdessen Gestelle mit Pfannen, Geschirr, Küchenware. Dahinter ein kleiner Raum mit Schuhen. Links der Hauptraum: Empfang, Kasse, ein paar Tischchen und Stühle, eine Kinderecke, eine Kaffeemaschine.

Spielzeug. Bettwäsche. Taschen, Rucksäcke. Dinge, die in Familienbudgets nicht nur «Nebenkosten» sind, sondern regelmässige Belastung. Mehr als Kleider heisst aber auch: mehr Atmosphäre. Hier drinnen ist es nicht improvisiert. Es ist geordnet. Sortiert. Einladend. Die Räume wirken hell, obwohl sie unter der Erde liegen. Und genau diese Helligkeit wird später als bewusstes Prinzip erklärt. Neues Publikum bringt oft ein bestimmtes Bild mit, sagt die Initiantin: das Bild eines muffigen Brockis, «ein gewisser Geschmack in der Nase». Und dann passiert etwas, das sie freut: Menschen kommen herunter und sagen, wie freundlich es ist, wie schön, wie hell. «Etwas schön darstellen ist wichtig für die Leute», sagt sie – auch die Kundschaft habe Freude daran.

Die Initiantin heisst Daniela Hausherr, gleichzeitig Fachperson und Gastgeberin. Sie erklärt Abteilungen, Grenzen, Philosophie. Sie sagt, es müsse «immer alles im Gestell Platz haben». Diese nüchterne Regel ist eine stille Form von Professionalität: Wer niederschwellig arbeitet, braucht Ordnung, sonst wird Niederschwelle zur Überforderung. Darum gibt es hier keine Möbel, keine Teppiche, keine Bilder. Nicht weil man nicht helfen will – sondern weil ein Ort nur dann funktioniert, wenn er seine eigene Form hält.

Im Gespräch wird deutlich, dass sich dieser Ort Schritt für Schritt ausgedehnt hat. Am Anfang war weniger Raum. Dann wurden Räume frei, man wuchs – «im Glauben und im Vertrauen», dass es aufgeht. Heute sind es etwa hundert Quadratmeter, alles unter Erde. Ein oberes Stockwerk könne man sich nicht leisten, sagt Hausherr, «auch mit diesen günstigen Preisen». Und dann werden die Preise konkret. Ein Pullover: ein Franken. Ein Paar Schuhe für Erwachsene: fünf Franken. Sehr, sehr günstig. So günstig, dass eine Familie sich «wunderbar für wenig Geld» einkleiden kann.

Im Raum entsteht damit eine besondere Mischung: Es ist ein Laden, aber es ist kein Laden im üblichen Sinn. Der Preis ist da – und zugleich nicht der Hauptdarsteller. Der Preis macht etwas möglich: Handlungsfähigkeit. Wer mit wenig Geld lebt, braucht nicht nur Spenden, sondern Optionen. Etwas auswählen, statt etwas zugeteilt zu bekommen. Etwas kaufen, statt zu bitten. Etwas entscheiden, statt nur zu reagieren.

Die Karte und das Vertrauen

Spätestens mit der Frage der Zugangskarte zeigt sich, wie fein austariert dieser Treffpunkt ist. Es gibt Zeiten, in denen auch Menschen kommen können, die «nachhaltig» einkaufen wollen, ohne in finanzieller Notlage zu sein. Sie bezahlen dann mehr. Und es gibt jene, die «berechtigt» sind zu beziehen – mit einer Bezugskarte. Auf den ersten Blick wirkt das nach Kontrolle. Im zweiten Blick ist es eine Form von Schutz: Der Laden soll dort entlasten, wo Belastung real ist.

Wie kommt man zu dieser Karte? Nicht über ein Amt, nicht nach Formularlogik, sondern im Moment «nur bei uns». Man könne es wegen Datenschutz nicht nachprüfen, sagt Hausherr. Es helfe, wenn jemand eine Bestätigung von einer Stelle mitbringe; dann müsse man kein langes Erstgespräch führen, und man könne die Karte ausstellen. Und gleichzeitig sagt sie: Auf dieser Vertrauensbasis habe man sehr gute Erfahrungen gemacht.

Vertrauen ist hier kein romantisches Ideal. Es ist eine Arbeitsform, die Risiken kennt. Hausherr sagt auch, dass man schon Karten habe wegnehmen müssen, weil jemand «beschissen» habe. Das ist hart formuliert, und gerade in dieser Härte liegt eine Wahrheit: Niederschwellige Hilfe muss offen sein, aber sie darf nicht blind sein. Sie muss Grenzen ziehen können, ohne die Würde derjenigen zu beschädigen, die ehrlich kommen.

Dann wird die finanzielle Not beschrieben – nicht als schlichte Rechnung «zu wenig Geld», sondern als Knoten aus Hindernissen. Nach dem Essen, sagt Hausherr sinngemäss, kommen schnell die Ausgaben für Kleider und Schuhe. Gerade wenn Kinder wachsen, braucht man immer wieder Neues. Und dann ist so ein Ort eine «grosse Hilfe»: wenn eine Skijacke nicht hundert Franken kostet, sondern einen Teil davon. Im Hintergrund dieser Sätze läuft eine leise Ethik: Hilfe soll nicht spektakulär sein. Sie soll wirken, dort, wo Rechnungen den Alltag auffressen.

Um zwei Uhr geht der Laden auf. Die ersten Kundinnen und Kunden kommen hinein. Unter ihnen ist Sabrina. Sie sagt nur ihren Vornamen. Sie erzählt, dass sie drei Kinder hat und ursprünglich aus Indonesien kommt. Seit ein paar Jahren ist sie regelmässig hier. Auf die Frage, was ihr dieser Ort bedeutet, antwortet sie ohne Nebel, ohne Umweg: «Ich finde hier sehr billige Sachen für mich und meine Kinder.» Dann sagt sie, was viele lieber nicht laut sagen: «Ich habe keine Arbeit.» Sie findet hier Spielzeug, Kinderkleider, Dinge, die man braucht, wenn man eine Familie durch den Alltag bringen muss.

Armut ist nicht nur materiell. Sie ist auch sozial, wenn sie isoliert. Und wer keine Arbeit hat, verliert nicht nur Einkommen, sondern Struktur, Kontakte, Selbstbild. Sabrina erzählt, dass es ihr geholfen hat, Deutsch zu lernen. Am Anfang habe sie nicht viel Deutsch gesprochen; langsam, «mit Kontakten», lerne sie mehr. Sie spricht über Angst, über das Gefühl, dass Leute lachen könnten, wenn man falsch spricht. Und sie erzählt von Ermutigung: dass Menschen ihr sagen, sie spreche gut, sie werde besser, sie sei stärker, als sie gerade glaubt.

In diesen Minuten wird aus dem Secondhand-Laden ein Integrationsraum, ohne dass das Wort gross plakatiert wird. Integration passiert nicht als Kurs, nicht nur als «Programm», sondern als Alltag: miteinander arbeiten, miteinander sprechen, Fehler machen dürfen, dabei bleiben. Hausherr bestätigt später, dass genau das häufig passiert: Menschen, die als Kundinnen kamen, wollten besser Deutsch lernen und begannen regelmässig mitzuschaffen. Das Team sei multikulturell. Man gehe zusammen an Sitzungen, mache Ausflüge, werde Teil eines Ganzen.

Zwischen Kasse und Kaffeemaschine

Am Nachmittag steht Maria Claudia Cavelti an der Kasse. Wenn gerade niemand zahlt, gibt es Raum für Fragen. Warum investiert man Zeit, ohne Lohn? Cavelti erzählt, dass sie mit ihrem Mann ins Dorf gezogen sei und sich engagieren wollte. Man habe Tipps bekommen – und einer davon war das Kleiderkarussell. Sie ging «schnuppern» und blieb. Es begeistert sie, sagt sie, weil man etwas Gutes tue: gute Kleider kommen rein, gehen weiter, zu einem «guten Betrag», zu Menschen, die es nötig haben. Und dann fällt ein Satz, der mehr ist als ein positives Fazit: «Es tut einem so gut, ich gehe immer wieder zufrieden heim.»

Auf die Frage, ob einen das nicht runterzieht, wenn man «Schicksale» sieht, sagt Cavelti: Es sei nicht einfach. Sie versuche eine gewisse Distanz, um nicht zu tief in einzelne Geschichten einzutauchen. Manchmal sitzt man zusammen, bietet Kaffee an, etwas zu trinken. Manchmal entsteht ein Gespräch. Manchmal wollen Menschen einfach irgendetwas reden – ohne das ganze Leben auszubreiten.

Aus diesen kleinen Beobachtungen entsteht ein Portrait des Ortes: Ein Treffpunkt, der nicht in erster Linie über Drama funktioniert, sondern über Normalität. Man sucht etwas im Gestell. Man zeigt einer Mutter noch eine Jacke für die Tochter. Es heisst: «Danke vielmals.» Kleinigkeiten, die bei anderen viel bewirken. Für Cavelti bewirken sie auch etwas zurück: Dankbarkeit für das, was man selber hat.

An der Tür taucht später eine Frau auf, die mehrere Säcke bringt. Die Geschichte hinter diesen Säcken ist schwer: ein Haus wird geräumt; ein Mann ist gestorben; die Frau lebt im Pflegeheim. In den Säcken ist «wirklich alles», Abendkleider, querbeet. Warum bringt man so etwas hierher? «Weil hier mir ein Anliegen ist», sagt sie, «dass unsere Leute wenigstens vom Dorf» mit wenig Geld hier einkaufen können. Sie spricht von Sinnhaftigkeit, von freiwilliger Basis, von Unterstützung.

Ist das hier nur für Leute, die in die Kirche gehen? Hausherr antwortet ohne Zögern: «Nein, natürlich nicht.» Es sei wie beim Gottesdienst: jeder könne kommen. Hier könne jeder kaufen, Konfession und Hintergrund spielten keine Rolle. Es gebe manchmal ein Seelsorgegespräch, eine Weiterführung, «wo noch ein Not am anderen Ecken ist». Dann komme sie als Sozialdiakonin ins Gespräch – aus einem Gespräch heraus, das «zwischen Kleidergesteller und Kaffeemaschinen» begonnen hat.

Die Geschichte endet, wie sie begonnen hat: mit einem Gegenstand, der bewegt wurde. Gutknecht geht zurück zum Auto – dieses Mal ohne Säcke in der Hand. «Die habe ich mit gutem Gewissen hier abgelassen.» Und in diesem Satz liegt das Gefühl, das viele nach einem gelungenen Weitergeben kennen: Nicht Verlust, sondern Entlastung. Nicht Wegwerfen, sondern Umlauf. Nicht nur Kleider, die weiterziehen – sondern Würde.